Strukturelle Defizite von Crowdfuning-Marktplätzen

Nach den Warnungen vor Crowdfunding in der letzten Woche von Seiten der FSE (Financial Services Authority) – also der britischen Finanzbehörden – werden strukturelle Defizite der Crowdfunding-Szene wieder einmal diskutiert. Die FAZ rückt die Crowdfundings verbal sogar in die Nähe von Graumarkt-Angeboten.

Die britische Behörde hält viele Angebote für hochriskant. Gründe, die angeführt werden:

– hohes Risiko
– Komplexität
– keine Renditegarantie
– Langfristigkeit
– Illiquidität, weil noch kein Zweitmarkt

Die Investments erfolgen zumeist “unter dem Radar” der Finanzaufsicht. In Deutschland kann dies so sein, weil Investments unter 100.000 Euro nicht der Prospektpflicht unterliegen. Bergfürst will dies z.B. ändern und hat eine Bafin-Lizenz beauftragt, um auch große Investments zwischen zwei und fünf Millionen durchführen zu können. Gleichwohl kann man auch nicht unterstellen, dass andere Marktplätze mit der der Begrenzung auf 100.000 Euro Beteiligungsvolumen einen unseriösen Ansatz fahren, um die Finanzaufsicht zu unterlaufen. Viele Startups brauchen in frühen Phasen oft noch gar nicht mehr, gleichzeitig wird durch die Begrenzung natürlich auch das Risiko der Schwarmfinanzierer begrenzt.

Im Zuge der Diskussion meldet sich Frazer Fearnhead zu Wort, der Gründer von The House Crowd, einer Firma, die mit Hilfe der Crowd Immobilienprojekte ab 1000 Pfund – finanziert. Seiner Meinung nach sei Crowdfunding nur für erfahrene Investoren geeignet. Dem könnte man uneingeschränkt zustimmen, sofern die Investoren in die aktuell crowdfinanzierten Startups mit großen Summen investieren würden und das Geld nicht “über” ist. Denn eines muss klar sein, bei den meisten Investments muss das investierte Geld durchaus als Risikokapital betrachtet werden. Dem könnte außerdem zugestimmt werden, sofern die Investoren sich nicht mit den Geschäftsmodellen beschäftig haben. Mein Eindruck ist jedoch, dass sich gerade im Crowdfunding-Bereich die Anleger besonders intensiv mit ihren Investment beschäftigen und vielleicht sogar schon vorher Kontakte mit den Gründer pflegten.

Zudem sind die Investments in die Startups auch nicht zwingend groß. Das gestern innerhalb kürzester Zeit erfolgte Funding von Honestly (die übrigens für die nächsten Tagen ein Interview zugesagt haben) lag pro Kopf bei überschaubaren 720 Euro. Bei Crowdcube in UK ist ein Invest ab 10 Pfund möglich. Auch kann davon ausgegangen werden, dass oft Fans – wie oben bereits erwähnt – bei einzelnen Unternehmen einsteigen, die sich intensiv mit dem Geschäftsmodell auseinandergesetzt haben und das Marktumfeld besser beurteilen können als erfahrene Investoren, die sich zwar mit Investments an sich auskennen, nicht aber zwingend mit einer Branche, die vielleicht ihrerseits erst im Entstehen begriffen ist.

So lange der einzelne Anleger also überschaubare Geldsummen investiert, vielleicht auch einfach nur, um bei einer spannenden Sache unterstützend dabei zu sein, braucht es aus meiner Sicht keine stärkere Regulierung, die im Normalfall den Unternehmen die Kapitalaufnahme bürokratisch erschweren würde.

Natürlich sind auch die Marktplätze gefordert, dass auf ihren Plattformen ausschließlich seriöse Firmen präsent sind, die die Anleger, seien diese auch nur mit sehr kleinen Summen aktiv, über den Tisch ziehen. Hier haben die Marktplätze aber naturgemäß bereits jetzt ein starkes Eigeninteresse.

Zu der Quantifizierung von Anleger-Risiken kommt aktuell United Equity mit einem Rating-System, was die Anleger weiter sensibilisieren könnte. Vielleicht wäre hier eine unabhängige Aggregator-Plattform noch zielführender, die auf Basis der Beurteilung der Crowd die Ratings erstellt. Da könnten die Anleger erst das Rating prüfen, bevor über einen Marktplatz ein Investment eingegangen wird.

Beim strukturellen Defizit der Illiquidität muss den Finanzbehörden recht gegeben werden. Ein Sekundärmarkt fehlt. Dieser ist mittelfristig notwendig, da müssen die Marktplätze Phantasie entwickeln.

Es gibt aber eine zweite Form der mangelnden Liquidität beim Crowdfunding. Einerseits steht das Thema sicherlich noch am Anfang und es gibt zu wenig Investoren und zweitens wird die Liquidität durch die vielen konkurrierenden Plattformen weiter geschwächt. Die Folge ist, dass diverse Fundings sehr lange brauchen, um zustande zu kommen. Dieser Tage sind bei Innovestment sogar Fundings nicht erfolgreich gewesen. Ein Scheitern, das beim Vorhandensein weniger aber größerer Marktplätze vielleicht vermeidbar gewesen wäre. Eine Konsolidierung der Szene dürfte die Liquidität sicherlich fördern.

Es würde mich freuen, wenn in der Crowdfunding-Facebook-Gruppe über diese und weitere Defizite des Crowdfundings weiter diskutiert werden könnte.

Eine interessante und umfangreiche Gegenrede zu den Kritikpunkten der FSA ist im Blog von Seedmach zu finden.

 

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