„Crowdfunding ist für uns daher ein probates Mittel“ – Interview mit Sebastian Witzmann (MADDOGCOMICS)

MADDOGCOMICS

Klaus-Martin Meyer: Sebastian, Du bist General Manager bei Vela Entertainment Studios UG. Könntest Du dich und die Firma bitte kurz vorstellen?

Sebastian Witzmann: Vela Entertainment Studios wurde im Herbst 2010 gegründet und hat sich auf die Distribution von digitalen Inhalten spezialisiert. Vela gibt die Antwort auf die Frage der Verlage und Sender, wie man effizient seine Inhalte auf neue Devices verteilen kann, wie beispielsweise Smartphones und Tablet-Computer. Dabei bietet Vela seine Leistungen über die gesamte Prozesskette an: Von der Digitalisierung, über die Aufwertung, der (cloudbasierten) Verwaltung, bis hin zur Verteilung der Inhalte. Dabei können unsere Kunden alles durch uns erledigen lassen oder nur einzelne Leistungen beziehen.

Unser Paradebeispiel sind die Comics, von denen wir behaupten, dass sie die meisten Nutzungsarten enthalten. Natürlich schwingt auch unsere Leidenschaft für diese Kunst- und Erzählform mit. Hier haben wir Verlage, die uns ihre Schätze anvertrauen, wir diese einscannen, überarbeiten, verwalten und dann über eigene Plattformen (wie MADDOGCOMICS) vermarkten. Die Inhalte können dann vom Verbraucher über die gängigen Smartphones und Tablets genutzt werden. Einmal erworbene Inhalte werden in unserer Cloud vorgehalten und können immer wieder abgerufen werden – egal wo. Wer also einen Comic bei MADDOGCOMICS über das Web erwirbt, der kann sich mit seinen Benutzerdaten auf seinem Android-Phone oder Tablet anmelden und dort weiterlesen.

Wir haben zwei Filme, die unsere Leistungen kurz und bündig auf den Punkt bringen – denn ein Bild sagt manchmal mehr als tausend Worte: Die Leistungen für Verlage und Sender sind in diesem Video dargestellt und die Vorzüge von MADDOGCOMICS in diesem.

Um Velas Angebot vollständig zu überblicken, muss man sehr stark abstrahieren. Als Brücke würde ich da vorschlagen einfach mal das Wort Comics durch ein beliebiges anderes Medium zu ersetzen. Darunter liegt das gleiche System. Ob Zeitschriften, Bücher, Comics, Hörbücher, Filme oder oder oder. Das Ganze ist sehr visionär und es verlangt uns allen sehr viel ab. Ich möchte mich dabei gar nicht so sehr nach vorne stellen, denn Vela ist eine großartige Teamleistung.

Klaus-Martin Meyer: Ihr habt Euch bei MADDOGCOMICS für ein Crowdfunding entschieden. Warum habt Ihr diesen Weg gewählt und warum geht Ihr diesen mit Seedmatch?

Sebastian Witzmann: Vela hat sich seit der Gründung vollständig innenfinanziert. Wir haben mit einem Euro angefangen und bereits zu Anfang profitabel gearbeitet. Damit das möglich ist, haben wir Apps für Dritte entwickelt. Den Gewinn aus diesen Auftragsarbeiten haben wir vollständig in unsere Idee investiert. Was auf den ersten Blick charmant aussieht, hat aber einen gewaltigen Nachteil, den wir auch erst selbst erfahren mussten: Wir haben Zeit verloren. Ursprünglich wollten wir mit MADDOGCOMICS bereist ein halbes Jahr vorher auf den Markt kommen. Und wir hätten bereits wesentlich mehr Features haben sollen. Immer wieder mussten wir aber unsere Arbeiten verlangsamen, damit wir externe Aufträge abwickeln konnten. Dies hat uns sehr viel in unserem eigenen Projekt gekostet. Um das zu ändern, gibt es nur die Möglichkeit Fremdkapital aufzunehmen.

Eine unserer Ängste dabei ist die Fremdbestimmung. Wir meinen sehr oft das Scheitern einer Idee durch zunehmende Fremdbestimmung zu erkennen. Das wollen wir vermeiden. Unsere Vision braucht langen Atmen und eine vernetzten Überblick.

MADDOGCOMICS selbst ist noch „weit entfernt von profitabel“. Wir glauben, dass wir noch viele Monate brauchen, bis wir einen interessanten Status erreicht haben. Und allem voran brauchen wir Wahrnehmung. Wir haben nur bescheidene Mittel und müssen daher beim Marketing uns auf kostengünstige Mittel beschränken. Bei uns muss jeder Cent umgedreht werden und wir investieren stark in unsere Idee.

Crowdfunding ist für uns daher ein probates Mittel, denn wir erreichen eine größere Anzahl von Personen – die, so hoffen wir, allesamt ein starkes Interesse an MADDOGCOMICS und Vela haben und so uns auch helfen bekannter zu werden. Außerdem bleiben wir noch Herr der Vision und der Umsetzung und gefährden diese dadurch nicht.

seedmatch im Speziellen haben wir ausgesucht, weil wir meinen, dass wir mit diesem Partner das Ziel eher erreichen, als mit anderen.

Klaus-Martin Meyer: Euer Service hat einen disruptiven Character für die Comic-Industrie, hat Bezüge zum Mobile-, App- und Cloud-Business. Mehr Sexappeal geht eigentlich nicht. Warum läuft das Funding dennoch zäher als bei anderen weniger spannenden Fundings der letzten Wochen?

Sebastian Witzmann: Keine leichte Frage. Dafür kommen mehrere Ursachen in Betracht:

Falscher Startzeitpunkt – unserer Meinung nach hätte man auf einer „Welle“ surfen müssen. Dann schaukelt es sich schnell hoch.

Komplexes Thema – vielen fehlt vielleicht die Verknüpfung von Comics zu anderen Medien. Viele große Medienhäuser stehen mit uns bereits in Kontakt. Sie interessieren sich für einen oder mehrere Bausteine aus unserem Spektrum. Sie wollen zum Beispiel unsere Shop-Lösungen lizensieren. Diese können als Einzelleistung ausgegliedert werden. Die meisten Medienhäuser haben keine universelle Lösung, die auf Android, iOS, Web, Windows Phone, etc., läuft. Übrigens: Unsere Leistungen als „White Label“ kann man sich beispielsweise bei Thomas Sixt ansehen, der mit unserer Technologie bereits hunderte von Apps in die Märkte getrieben hat. Er hat die Inhalte bei uns in der zentralen Verwaltung (Cloud) und streut diese über App-Frameworks in re-kombinierten Einheiten.

Mangelhafte Kommunikation – ich drücke es mal positiv aus, mit einem bekannten Spruch: Jeder Cent in das Produkt, statt in die Werbung. Diese Weisheit ist natürlich falsch und das ist uns auch bewusst. Aber wir treffen jeden Tag erneut Entscheidungen und immer wieder muss irgendwas auf Grund der knappen Ressourcen gestrichen werden. Genau deswegen wollen wir Fremdkapital aufnehmen. Mehr Konzentration auf die Vision. Natürlich fragen wir uns auch permanent, hätten wir nicht besser es doch anders gemacht – statt dem Gespräch mit einem neuen potentiellen Verlag, lieber eine News getippt? Selbst im Nachhinein ist das keine einfache Frage.

Falscher Zeitpunkt – wir haben schon wesentlich mehr als eine Idee. Wir haben vieles bereits umgesetzt und auch wichtige Meilensteine erreicht. Aber wir sind auch mittendrin. Bei uns sieht ein Investor ungeschminkt, dass mehr dazu gehört als nur eine Idee zu haben. Es ist jeden Tag ein Kampf. Es wäre vielleicht problemloser, wenn wir uns früher an den Markt gewendet hätten – hey, schaut her, das ist unsere Vision. Dann sind die ganzen (normalen) Schwierigkeiten nur „mögliche Risiken“. Oder wir hätten uns später an die Öffentlichkeit wenden können – aber dann wäre vielleicht auch schon zu spät. Jetzt sind wir mitten in der Umsetzung. Man bekommt live jeden Rückschlag mit, alle Probleme – so klein sie auch sein mögen. Und wenn wir alle Kraft brauchen um die Idee nach vorne zu treiben, wie viel verlangt es dann einem Investor ab? Wir haben natürlich viel mehr Informationen, wissen um die Schwierigkeiten und die Antworten. Wir haben es jeden Tag neu in der Hand. Aber ein Investor klickt ins Web und sagt: Uhh – die Webseite ist aber lahm und denkt sich, dass das so nichts wird. Aber es ist ein unvermeidliches Problem. Irgendwann kommt man immer an einen Punkt, wo etwas nicht so funktioniert, wie es soll. Da hilft nur Ärmel hochkrempeln, es beheben, daraus lernen und es künftig vermeiden. Würde man nur eine Idee vorstellen, wäre das selbstverständlich akzeptiert. Bei uns erlebt man es aber – ich glaube, dass das eine andere Hausnummer ist.

Klaus-Martin Meyer: Jeder Investor bekommt für die Dauer des Invests jeden Monat ein Gratis-Comic. Bezogen auf die Mindestbeteiligung von 250 Euro ist das ja eine nicht zu verachtende Dividende.
Müssten da eingefleischte Comic-Fans nicht sofort zuschlagen?

Sebastian Witzmann: Die Akzeptanz dieser Darreichungsform steckt noch in den Kinderschuhen. In den USA sieht das bereits anders aus. Und 250 EUR sind auch kein „Pappenstiel“. Das nötige Kleingeld wird nicht jeder Comic-Fan haben. Außerdem müssten auch unter den Investoren entsprechend viele Comic-Fans sein…

An meinen eigenen Kindern sehe ich eine Zukunft der Comics. Wenn ich denen ein Tablet mit den Abrafaxe-Comics hinlege, dann wird das Essen kalt und sich stundenlang zurückgezogen. Die vertonten Comics sind da nur das i-Tüpfelchen. Mein Sohn fragt mich täglich nach neuen Comics. Der „Nachbars-Junge“ ist auch schon „angesteckt“. Aber keiner von denen hat 250 EUR 🙂

Übrigens: Es gibt auch einen interessanten Brückenschlag in dem Zusammenhang. Seit meine Kinder digitale Comics lesen, haben sie auch Interesse an den gedruckten Comics. Die stehen seit jeher bei mir zuhause im Regal, ohne dass sich meine Kinder dafür interessiert hätten. Jetzt entdecke ich sie immer wieder auf dem Teppich liegend lesen.

Klaus-Martin Meyer: Aus meiner Sicht ist Euer Geschäftsmodell von allen Seedmatch-Fundings bisher dasjenige, wo ein klassischer Exit (z.B. an einen Medienkonzern) mit am wahrscheinlichsten ist. Wie steht Ihr selber zu diesem Punkt?

Sebastian Witzmann: Das kann man nicht pauschal beantworten. Es wird auf die Rahmenbedingungen ankommen. Aber Danke für das Kompliment!

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