„Letztlich kann nur die Zeit zeigen, ob sich Crowdinvesting in Deutschland durchsetzen kann und „erwachsen“ wird.“ – Interview mit Jochen Weinberg (Geschäftsführer reanis GmbH)

reanis - Crowdfunding-Umfrage

Klaus-Martin Meyer: Herr Weinberg. Sie arbeiten für die Beratungsfirma reanis. Könnten Sie sich und Ihre Gesellschaft bitte kurz vorstellen?

Jochen Weinberg: Wir sind eine recht junge Wirtschafts- und Unternehmensberatung im Bereich Controlling und Corporate Finance. Unsere jeweiligen Partner verfügen jedoch bereits über langjährige Expertise auf ihren Gebieten. Die Unterstützung von mittelständischen Unternehmen bei der Unternehmensfinanzierung ist ein wesentlicher Kernbereich unserer täglichen Arbeit.

Klaus-Martin Meyer: Sie haben in einer Umfrage unter 100 Investoren wichtige Erkenntnisse zur Bedeutung von Crowdinvesting gewonnen. Was sind die zentralen Erkenntnisse und wie oft wussten die Probanden gar nicht, was Crowdinvesting ist?

Jochen Weinberg: Da es sich bei den Befragten um Investoren handelt, kam dies eigentlich gar nicht vor. Die wesentlichen Aspekte aus unserer Sicht sind zum einen, dass Crowdinvesting im Vergleich zu anderen Finanzierungsformen das größte Wachstumspotential aufweist. Hier sticht vor allem der Vergleich mit der klassischen Darlehensfinanzierung heraus. Dabei schwingt sicherlich auch ein Vorwurf an unsere Banken mit, dass diese die mittelständische Wirtschaft und junge Gründer nicht in ausreichendem Maße unterstützen.

Zum anderen wird die Bedeutung von Beratung durch Fachleute beim Gründen eines Unternehmens und darüber hinaus durch Investoren sehr hoch eingeschätzt. Auch das ist nicht verwunderlich, da zahlreiche Statistiken belegen, dass die „Überlebenschance“ eines Startups oder jungen Unternehmens signifikant steigt, wenn dieses externe Expertise durch Betreuung und Beratung zulässt. Dadurch wird das Investment der Investoren natürlich ebenfalls ein Stück sicherer.

Klaus-Martin Meyer: Würden Sie sich zutrauen, aufgrund der Ergebnisse Ihrer Befragung eine Prognose zu treffen, welches Volumen der Crowdfunding-Markt im kommenden Jahr erreichen wird?

Jochen Weinberg: Hier muss man sicherlich noch einmal unterscheiden zwischen dem ursprünglichen Crowdfunding und Crowdinvesting. Für Crowdfunding, gerade im Kreativbereich können wir uns eigentlich keine Aussage erlauben. Aufgrund der Studien-Ergebnisse, aber auch nicht zuletzt aufgrund der Marktentwicklung und -Beobachtung in den letzten beiden Jahren, sind jedoch im Bereich Crowdinvesting aus unserer Sicht im nächsten Jahr sicher Volumina von 7,5 Mio. bis 10 Mio. Euro realistisch. Tendenz weiter steigend.

Klaus-Martin Meyer: Welche strukturellen Herausforderungen müssen aus Ihrer Sicht insbesondere die Crowdfunding-Plattformen lösen, damit der Markt die notwendige Dynamik erhält?

Jochen Weinberg: Auch hier können wir wieder nur für den Bereich Crowdinvesting sprechen. Gerade im Bereich der frühen Finanzierung sind Totalausfälle unvermeidbar. Dementsprechend müssen die Anbieter im Vorfeld ausreichend auf die Risiken hinweisen und vor allem auch erläutern, welche Maßnahmen sie ergreifen, um diese Rate zu minimieren.

Dies beginnt bereits bei der kritischen und sorgfältigen Prüfung der eingereichten Konzepte und Businesspläne. Denn nicht jede auf den ersten Blick noch so schön und innovativ klingende Idee hat auf den zweiten Blick das richtige Team und genug Substanz, um sich mittelfristig (und damit weit über den Funding-Prozess hinaus) durchzusetzen. Hier haben die Anbieter zwar derzeit keine rechtliche Verantwortung, eine gesellschaftliche tragen sie jedoch allemal.

Zudem sollten sich die Plattformen auch ein wenig mehr öffnen und ausprobieren, wie der Markt darauf reagiert. So sollten zum Beispiel auch Projekte zugelassen werden, die nicht den großen „Big Bang“ versprechen. Diese versprechen dann zwar weniger Rendite, gleichzeitig aber bieten sie meist etwas mehr Sicherheit, weil beispielsweise das Geschäftsmodell bereits erprobt ist.

Klaus-Martin Meyer: Sie haben auch einige Fragen in Bezug auf Seriosität und Schwellenwerte von Investments gestellt. Wie sähe im Lichte dieser Ergebnisse aus Ihrer Sicht das optimale Angebot eines Crowdinvestments aus?

Jochen Weinberg: Das ist etwas schwierig zu beantworten. Grundsätzlich hat unsere Studie ergeben, dass Beteiligungen über 200 Euro eine Hürde darstellen können. Aber auch Kleinstbeteiligungen ab 5 Euro werden tendenziell als unseriös bewertet. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer irgendwo dazwischen.

Klaus-Martin Meyer: Zum Abschluss interessiert uns noch eine allgemeine Einschätzung, wie sich das Thema Crowdfunding in den kommenden fünf Jahren bei uns in Deutschland entwickeln wird.

Jochen Weinberg: Letztlich kann nur die Zeit zeigen, ob sich Crowdinvesting in Deutschland durchsetzen kann und „erwachsen“ wird. Die Anbieter von Crowdinvesting-Plattformen haben dies jedoch ein Stück weit selbst in der Hand. Wenn Sie sich Ihrer Verantwortung sowohl gegenüber den Unternehmern, als auch gegenüber den Investoren bewusst werden und es schaffen, die nachhaltige Entwicklung über den kurzfristigen Hype inkl. entsprechender Provisionen zu stellen, hat Crowdinvesting hierzulande eine sehr gute Chance und kann sich zu einem echten Baustein in der Unternehmensfinanzierung entwickeln.

Markiert mit .Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

Die Kommentare sind geschlossen.