„Crowdfunding wird die Finanzierungslandschaft im Immobilienbereich nachhaltig verändert haben.“ – Interview mit Michael Ullmann (kapitalfreunde.de)

Klaus-Martin Meyer: Herr Ullmann, Sie sind Geschäftsführer der Firma Betterterms GmbH, die mit kapitalfreunde.de eine Crowdfunding-Plattform für Immobilien betreibt. Könnten Sie sich und Ihren Marktplatz bitte kurz vorstellen?

Michael Ullmann: Kapitalfreunde.de überträgt das Prinzip des Crowdfundings auf Immobilien. Kapitalfreunde bietet Immobilienunternehmen als Kapitalsuchern die Möglichkeit, Projekte online zu präsentieren und privaten Kapitalgebern die Möglichkeit, über das Web einen Finanzierungsbeitrag ab 250 Euro zu leisten. Das funktioniert, indem der Kapitalgeber ein sogenanntes nachrangiges Darlehen zur Verfügung stellt. Diese Form des Mezzanine-Kapitals ist weder ein Kredit noch eine Beteiligung. Der Finanzierer erhält eine festgelegte Verzinsung und die Finanzierung hat eine feste Laufzeit. Beides wird vom Kapitalnehmer angeboten. Die Projekte können auf der Plattform umfangreich dargestellt werden, zum Beispiel auch mit Videos. Es gibt einen Forum-Bereich, in dem Kapitalgeber Fragen stellen können und der Projektträger News und Antworten posten kann.

Ich selbst bin Unternehmer mit Leib und Seele. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung im Immobilienbereich, in der ich Transaktionen im Wert von über einer Milliarde Euro in unterschiedlicher Rolle begleitet habe, bin ich davon überzeugt, dass Crowdfunding die Immobilienfinanzierung nachhaltiger machen kann.

Klaus-Martin Meyer: Welche Vorteile hat die Crowdfinanzierung von Immobilien-Projekten verglichen mit konkurrierenden Finanzierungsformen?

Michael Ullmann: Zunächst einmal dürfte es günstiger sein, und zwar sowohl für den Kapitalsucher als auch für den Kapitalnehmer, denn es fallen statt der Marge eines normalen Mezzanine-Gebers, z.B. einer Bank, und den Bearbeitungsgebühren und Provisionen von Intermediären nur einmalige Gebühren für die Plattform und den Zahlungsabwickler an. Das kommt beiden Seiten zugute.

Aber Crowdfunding bedeutet natürlich mehr als nur den monetären Aspekt. Für die Kapitalgeber bietet die Community wichtige Vorteile. Der direkte Draht zum Kapitalsucher und zu Gleichgesinnten ermöglicht eine bessere Einschätzung vom Projekt und seinem Initiator. Die einfache Abwicklung vollständig über das Internet ermöglicht es, einen Kapitalbetrag ohne größeren Aufwand in mehrere Projekte und sogar Asset-Klassen zu stecken, um somit auch das Risiko zu streuen und ein „Portfolio“ nach Wunsch zu bilden. Das Web erfordert und bietet mehr Transparenz und Demokratie. Demokratie heißt wählen können und selbst entscheiden. Nicht einem Berater folgen, der doch nur an seine eigene Provision denkt.

Für das Immobilienunternehmen bietet die Öffentlichkeit durch das Internet ebenfalls viele Vorteile. Wir nennen das Kapital mit Mehrwert. Im Beitrag „Crowdfunding als Marketinginstrument“ in Ihrem Blog wird dieser Aspekt ja auch angesprochen. Sie erhalten für Projekte ein frühes und kostenloses Feedback von potenziellen Kunden. Sie machen Werbung für das Projekt, nicht nur bei den Kapitalgebern, sondern auch zukünftigen Nutzern der Immobilien. Das können Besucher des Cafés genauso sein wie ein Büromieter. Crowdfunding kann auch die Stadtentwicklung mit privaten Mitteln fördern. Vielleicht schaffen Sie es ja sogar, die Baubehörde mit einer Menge positiven Feedbacks im Rücken zu überzeugen. Crowdfunding heißt, eine Bürgerinitiative FÜR ein Projekt zu etablieren.

Klaus-Martin Meyer: Hilft der aktuelle Hype rund um das Thema Crowdfunding, um Investorengelder in Immobilienprojekte zu ziehen, die auf anderen Wegen aufwändiger zu akquirieren wären?

Michael Ullmann: Das werden wir sehen. Der von Ihnen genannte Hype muss sich in der Immobilienbranche erst noch verbreiten. Es ist sicher eine wichtige Aufgabe, die Branche von den oben genannten Vorteilen zu überzeugen.

Es werden durch Crowdfunding möglicherweise auch Objekte realisierbar, die derzeit am Vorsichtsdenken etablierter Institutionen scheitern. Aber Crowdfunding dient keinesfalls der Finanzierung von exotischen Projekten, die möglicherweise keinen Sinn machen. Die Fundingschwelle ist ja der erste echte Markttest.

Klaus-Martin Meyer: Wie groß schätzen Sie das bundesdeutsche Marktpotential für crowdfinanzierte Immobilienprojekte ein?

Michael Ullmann: Egal, ob Sie als Referenzmarkt den Markt für gewerbliche Immobilienfinanzierungen nehmen oder z.B. „nur“ den für indirekte Kapitalanlagen in Immobilien, wir sprechen von einem Milliardenmarkt – alleine in Deutschland. Immobilien sind nun einmal sehr kapitalintensiv und eine in der breiten Bevölkerung beliebte Form, um Geld anzulegen. Freilich wird es dauern, bis dieses Marktpotenzial durch Crowdfunding erschlossen werden kann. Dann aber sind die Möglichkeiten gewaltig. Deshalb ist es sehr wichtig, dass auch der Gesetzgeber und der Regulierer das Thema fördern.

Klaus-Martin Meyer: Wo sehen Sie ihre Firma in fünf Jahren? Welche Rolle wird das Crowdfunding im Immobiliensektor dann spielen?

Michael Ullmann: Kapitalfreunde wird in fünf Jahren der etablierte Marktplatz für Immobilien-Crowdfunding in Deutschland und möglicherweise in anderen Ländern sein.

Crowdfunding wird die Finanzierungslandschaft im Immobilienbereich nachhaltig verändert haben. Die Menschen werden es als selbstverständlich ansehen, dass sie sich die Immobilien und Projekte, denen sie Geld zur Verfügung stellen, in Ruhe selbst aussuchen können und dass sie ihre Verträge bequem online abschließen können. Crowdfunding wird die Immobilienfinanzierung nachhaltiger und transparenter gemacht haben und damit die Welt ein Stückchen besser. Sie halten letzteres für übertrieben? Dann denken Sie bitte kurz darüber nach, was nicht nachhaltige und intransparente Immobilienfinanzierung in den letzten fünf Jahren im Weltfinanzsystem ausgelöst hat.

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