„Crowdfunding ist meiner Einschätzung nach vor allem für Nischenmärkte interessant“ – Interview mit Andrea Kamphuis (Kraut Publishers)

Klaus-Martin Meyer: Andrea, Du bist eine der Gründerinnen von Kraut Publishers. Könntest Du dich und Eure Firma bitte kurz vorstellen?

Andrea Kamphuis: Ich bin freie Publizistin und habe vor eineinhalb Jahren eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne für ein Buch über Autoimmunerkrankungen durchgeführt, das leider immer noch nicht fertig ist. Es wird voraussichtlich 2013 erscheinen. Die Kraut Publishers UG (haftungsbeschränkt) ist ein experimenteller Kleinverlag, mit dem meine Mitgründer und ich die Praktikabilität des Crowdfunding- und Crowdsourcing-Konzepts in der Buchbranche austesten wollen. Michael Köhler, Stephan Matthiesen und ich sind seit vielen Jahren als Verlagsdienstleister in dieser Branche unterwegs, und wir meinen, dass Bücher erheblich nachhaltiger und fairer produziert werden sollten, als es heute geschieht. Von den über 90.000 Neuerscheinungen, die jedes Jahr allein den deutschsprachigen Raum fluten, schreibt nur ein Bruchteil schwarze Zahlen. Die erfolgreichen Titel müssen die Fülle der Flops mittragen. Dummerweise weiß man vorher nicht, welche Titel sich tragen werden. Viele Branchenteilnehmer verklären diesen Umstand zum „verlegerischen Risiko“, das man allenfalls durch das richtige „Händchen“ oder „Näschen“ minimieren könne. Tatsächlich geht diese Praxis aber zu Lasten der Autoren, Übersetzer, freien Lektoren und übrigen freien Verlagsmitarbeiter, deren Honorare seit Jahrzehnten stagnieren, zum Teil sogar sinken.
Durch Crowdfunding lassen sich Buchfinanzierung, Marktforschung und Vertrieb geschickt miteinander verflechten: Das Interesse des jeweiligen Marktes an einem Projekt wird vor dessen Realisierung ermittelt, und zwar nicht durch unverbindliche Befragung, sondern durch Vorbestellung der geplanten Werke. Nur Titel, für die genug Vorbestellungen eingehen, werden anschließend in guter Qualität und unter Ansetzung fairer Honorare realisiert. Die Kraut Publishers möchten sich zunächst auf Sachbuchübersetzungen abseits des Mainstreams konzentrieren. Wenn das nicht funktionieren sollte, schwenken wir um auf Plan B oder Plan C …

Klaus-Martin Meyer: Worauf beruht der Optimismus, dass man mit Hilfe von Crowdfunding die beschriebenen Probleme des Buchmarktes lösen kann?

Andrea Kamphuis: So furchtbar optimistisch sind wir gar nicht, nur experimentierfreudig – weil es so irrational wie bisher einfach nicht weitergeht. Die Frage ist doch, wie man Erfolg definiert. Wir meinen: Wenn sich im Zuge einer Crowdfunding-Kampagne für ein aufwändiges Buch zeigt, dass die für eine handwerklich solide, faire Produktion erforderliche Summe nicht zusammenkommt, ist zwar das Projekt in der bisher geplanten Form „gescheitert“, aber im Grunde haben alle Beteiligten gewonnen: die Verleger, die festen und freien Verlagsmitarbeiter, der Handel, die Leser und nicht zuletzt die Umwelt. Statt viel Geld, Zeit und Energie in ein Buch zu stecken, das später wie Blei in den Regalen liegt, können die Verleger aus ihrer Crowdfunding-Kampagne lernen und das Projekt entweder so abändern, dass es im zweiten Anlauf seine Zielgruppe findet, oder es beerdigen und ihre Ressourcen lieber in ein anderes Projekt stecken.

Klaus-Martin Meyer: Wenn ich das Konzept richtig interpretiere, sind die Kraut Publishers eine Art Agregator. Wie werden die Crowdfundings für die zu publizierenden Bücher organisiert – über Plattformen oder direkt?

Andrea Kamphuis: Zumindest die Kampagnen für das erste Buch werden wir über eine der bestehenden Plattformen abwickeln. Auch dies wieder aus Nachhaltigkeitsüberlegungen: Es wäre unsinnig, in einem so frühen Versuchsstadium viel Geld und Zeit in den Aufbau einer eigenen Plattform zu investieren. Lieber sammeln wir erst weitere Erfahrungen. Später sollen die Kampagnen aber über unsere Website koordiniert und die Vorbestellungen über ein Shopsystem abgewickelt werden, das an Bücher-Subskription bzw. -Crowdfunding angepasst ist. Auch wenn die Kampagnen auf allen Social-Media-Kanälen und parallel dazu im „real life“ laufen, muss es eine Homebase geben, in der sich die Crowd zum Beispiel über die Bücher austauschen und ihr Know-how einbringen kann.

Klaus-Martin Meyer: Es werden und wurden ja auf den bekannten Crowdfunding-Plattformen viele Buchprojekte finanziert. Gibt es so etwas wie kritische Erfolgsfaktoren, die sich herausgebildet haben, die man bei der Ausschreibung eines Buchprojektes unbedingt beachten sollte?

Andrea Kamphuis: Man muss zunächst konstatieren, dass Buchprojekte auf den großen Plattformen wie Kickstarter oder – wenn wir nach Deutschland schauen – Startnext derzeit in den Erfolgsstatistiken beinahe die Schlusslichter bilden. Musik-, Film- und Spieleprojekte zum Beispiel haben deutlich höhere Erfolgsquoten. Bei vielen Buchvorhaben fällt es den Projektbetreibern (ob nun Autoren oder Verlage) schwer, zum Beispiel ein authentisches kleines Video zu drehen, das die Betrachter mitreißt. Es gibt kaum mehr vorzuzeigen als ein paar Blätter Papier; da haben es Filmemacher oder Spieleprogrammierer leichter. Hinzu kommt bei vielen Projekten eine Zielgruppe, die nicht sonderlich internetaffin ist, und ohne Social Media und Online-Payment geht es beim Crowdfunding nun einmal nicht. Um kritische Erfolgsfaktoren zu benennen, ist es noch zu früh, aber ich denke, wer im Video, im Blog und auf seinen Social-Media-Kanälen kommunikativ, offen und authentisch rüberkommt und sich vorher Gedanken gemacht hat, wie er seine Idee visualisieren und sinnlich erfahrbar machen kann, hat bessere Chancen als jemand, der öffentlichkeitsscheu und dröge auftritt oder aber sein Anliegen allzu glattgeleckt und werblich präsentiert. Und eine Crowdfunding-Kampagne ist harte Arbeit; das Geld regnet nicht vom Himmel. Etliche Projekt scheitern einfach an der Untätigkeit der Betreiber.

Klaus-Martin Meyer: Anlässlich der Buchmesse wurde einmal mehr in Erinnerung gerufen, was für ein gigantischer Markt der Buchmarkt ist. Welche Rolle könnte Crowdfunding in diesem Zusammenhang in sagen wir fünf Jahren spielen?

Andrea Kamphuis: Crowdfunding ist meiner Einschätzung nach vor allem für Nischenmärkte interessant, die von herkömmlichen Verlage vernachlässigt werden, weil sie mit ihren Mitteln nicht abschätzen können, ob die Zielgruppen groß genug sind. Über eine gezielte Ansprache in den Social Media werden Autoren und Kleinverlage in den nächsten Jahren etliche Projekte verwirklichen können, die ihnen am Herzen liegen. Für mittelmäßige Massenware ist Crowdfunding ungeeignet, weil da der Funke nicht überspringt, und für gebuchte Bestseller, die sich auf jeden Fall verkaufen werden, ist es überflüssig. Daher werden Crowdfunding-Verlage den Markt sicher nicht völlig neu aufrollen. Sie können sich aber in vielen spannenden Winkeln und Nischen etablieren und die Buchszene so bereichern.

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