Wie sieht ein Experte für historische Wertpapiere das Thema Crowdfunding? Interview mit Ulrich W. Hanke

Klaus-Martin Meyer: Herr Hanke, Sie sind ein Experte für Kapitalanlagen im Allgemeinen und historische Wertpapiere im Besonderen. Können Sie sich bitte kurz vorstellen?

Ulrich W. Hanke: Ich bin Redakteur bei den G+J Wirtschaftsmedien und schreibe hauptsächlich für Börse Online. Daneben blogge ich zu Geldanlagethemen und Finanzbüchern unter www.hankes-boersen-bibliothek.de und unter www.hankes-historische.de zu historischen Wertpapieren, sogenannten Nonvaleurs – ungültigen Aktien oder Anleihen in Papierform mit reinem Sammlerwert.

Klaus-Martin Meyer: Das Crowdfunding ist ja zumindest was die Vokabel betrifft noch ein eher junges Phänomen. Ist das Crowdfunding für jemanden, der sich mit Nonvaleurs befasst dagegen möglicherweise nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Ulrich W. Hanke: Sowohl als auch: Das heutige Crowdfunding basiert vor allem auf dem Internet und damit einer größeren Basis. Kapitalgeber und Nehmer kennen sich in der Regel nicht persönlich. Bei einer Schwarmfinanzierung in früheren Zeiten war das durchaus anders. So wurden Anfang des 20. Jahrhunderts viele Anteilsscheine beispielsweise unter Vereinsmitgliedern für den Bau von Turnhallen oder Bootshäusern ausgegeben – heute ein begehrtes Sammelgebiet.

Klaus-Martin Meyer: Bei Crowdfundings interessieren sich die Anleger auch für die Perks. Gab es entsprechende Naturaldividenden auch in früheren Zeiten?

Ulrich W. Hanke: Natürlich gab es Naturaldividenden schon vor den Zeiten des Internets. So erhielten etwa Besitzer eines Zoo-Papiers freien Eintritt. Wer die Aktie der Vereinigten Dampfschiffahrtsgesellschaft für den Thuner- und Brienzersee besaß, das heute wertvollste historische Wertpapier der Schweiz, durfte kostenlos den Linienverkehr benutzen. Was übrigens ein Nachteil für Sammler ist, denn das Papier trugen viele Aktionäre wie eine Fahrkarte bei sich – entsprechend schlecht ist die Erhaltung heute.

Klaus-Martin Meyer: Können Sie vielleicht eine Einschätzung dazu geben, inwiefern neue Anlageformen das wirtschaftliche Wachstum insgesamt stimuliert haben?

Ulrich W. Hanke: Meiner Meinung nach können neue Anlageformen durchaus Wachstum generieren – allerdings nur unter drei Voraussetzungen. Die Finanzmärkte müssen sich generell gut entwickeln und die neuen Formen transparent und erfolgsversprechend sein. Über die deutsche Crowdfunding-Plattform Startnext sind innerhalb von zwei Jahren immerhin 1,7 Millionen Euro bereitgestellt worden. Im Vergleich zu den USA steckt diese Finanzierungsform in Deutschland aber noch in den Kinderschuhen.

Klaus-Martin Meyer: Im kommenden Jahr wird mit Bergfürst eine Plattform erstmals auf Aktien basierende Crowdfundings durchführen und die Aktien handeln. Könnten Crowdfunding-Nonvaleurs eines Tages ein eigenes Sammelgebiet sein?

Ulrich W. Hanke: Aktien in Papierform gibt es heute in Zeiten von Onlinebanking so gut wie gar nicht mehr. Das ist ein Segen für das Sammelgebiet, ist dessen Größe doch anders als etwa bei Banknoten oder Briefmarken weitgehend fix. Der Fluch: Selbst viele Bankmitarbeiter kennen keine sogenannten effektiven Stücke mehr. Die Sammlerschaft ist durch diese Unkenntnis relativ klein. Eine Ausnahme etwa sind Fan-Anleihen von Fussball-Vereinen, die es auch als attraktive Schmuckurkunden gibt – beispielsweise vom FC St. Pauli vor kurzem herausgegeben. Diese lösen der ein oder andere Fan bei Fälligkeit übrigens nicht ein, weil er lieber den gerahmten Wandschmuck behält. Wenn Sie so wollen, sind das bereits Crowdfunding-Nonvaleurs.

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One Response to Wie sieht ein Experte für historische Wertpapiere das Thema Crowdfunding? Interview mit Ulrich W. Hanke

  1. Volker Malik sagt:

    Es ist zu befürchten, dass die Ausgabe von Aktien in Papierform wohl eher weniger zu den Prioritäten der Crowdfunding-Dienstleister gehören wird. Ferner bleibt die Frage, ob relativ „junge“ Unternehmen überhaupt entsprechende Kapazitäten vorhalten können, um den Anforderungen beim Crowdfunding gerecht werden zu können. Hier scheinen ja leider auch andere Aspekte als die Gestaltung und die Ausgabe von effektiven Stücken vorrangig zu sein …