„In Deutschland sind P2P Kredite aber noch nicht Mainstream.“ – Interview mit Claus Lehmann (P2P-Kredite.com)

Klaus-Martin Meyer: Claus, Du bist Experte für Peer to Peer-Kredite. Woher stammt das Interesse zu diesem Spezialgebiet und dazu die Motivation seit Jahren fortgesetzt darüber zu bloggen?

Claus Lehmann: Ich habe im Frühjahr 2006 zufällig Prosper.com gesehen und war fasziniert von dem Konzept. Ich bin seit über 10 Jahren im Internet-Marketing unterwegs und mich interessieren disruptive Geschäftsmodelle, also neue durch das Internet ermöglichte Prozessabläufe, die ganze Branchen revolutionieren können. Damals sah es so aus als ob nach Musikindustrie, Reisebranche etc. nun die Banken sich einem Non-Bank Player stellen müssten, der ihr Kerngeschäft bedroht (in diese Domäne war vorher nur Paypal für ein bestimmtes Segment als Non-Bank-Player ansatzweise eingedrungen). Rückblickend zeigt sich, dass das Potential zwar immer gegeben ist, es aber länger als damals z.B. von Gartner erwartet dauert, bis P2P Kredite sich wirklich durchsetzen.
Ich versuchte dann mehr Informationen zu bekommen – Marktzahlen, Statistiken. Aber es gab keine. Prosper war erst wenige Monate vorher gestartet. So launchte ich Wiseclerk.com eine Website die (damals) automatisiert Kreditdaten zum Prosper Marktplatz sammelte und statistisch aufbereitete. Zunächst erstellt um meine eigenen Informationswünsche zu erfüllen, kam ich via Email in Kontakt mit immer mehr amerikanischen Anlegern, die gerne auch Zugriff wollten, so dass ich diese Statistik-Seiten öffentlich zugänglich machte. Mitte 2006 hatten sich ca. 900 amerikanische Anleger registriert und verwendeten die Statistiken für eigene Analysen.
In der Zeit habe ich unheimlich viele interessante Kontakte gewonnen. Die gewonnen Informationen waren dann der Ausgangspunkt für meine Anfang 2007 gestarteten Blogs P2P-Banking.com und P2P-Kredite.com.
P2P-Banking.com ist in englischer Sprache und richtet sich eher an Brancheninsider. Das deutsche Blog P2P-Kredite.com richtet sich dagegen an Endnutzer – also Anleger. Anfang 2007 war noch keine P2P Kredit-Plattform in Deutschland aktiv, es war aber zu erwarten, dass sich das ändern würde und so kam es im März 2007 mit dem Launch von Smava auch.

Klaus-Martin Meyer: Dieser Tage sah ich einen TV-Spott für auxmoney.com. Sind P2P-Kredite im Mainstream angekommen?

Claus Lehmann: In den USA und vor allem in Großbritannien schon. In UK gibt es mehr als 5 Anbieter und Zopa hat inzwischen einen Marktanteil von über 2% an allen unbesicherten Ratenkrediten erreicht. Das ist eine Größenordnung, die auch aus Bankensicht Relevanz erreicht. Andy Haldane, ein Director der Bank of England (vergleichbar zur Bundesbank) hat im März 2012 geäußert dass P2P Kreditplattformen die großen Privatbanken ersetzen könnten. Unter anderem sagte er „There is no reason why end-savers and end-investors cannot connect directly, …The banking middle men may in time become the surplus links in the chain.“
In Deutschland sind P2P Kredite aber noch nicht Mainstream.

Klaus-Martin Meyer: Wie sehen die die Möglichkeiten für den Anleger aus? Sind Renditen zu erzielen oder muss man sich dafür schon auf internationalen Märkten umsehen?

Claus Lehmann: In den ersten Jahren waren die Renditen bei Smava attraktiv. Für Neuanlagen bei Smava bewegt sich die zu erwartende Rendite nach meiner Einschätzung aber ungefähr auf Tagesgeldniveau. Das steht nicht in Relation zum Risiko.
Wer eine technisch gute Plattform mit vertretbarem Rendite/Risko Verhältnis ausprobieren will, könnte einen Blick auf die estnische Isepankur.com werfen, die auch deutschen Anlegern offensteht.
Die meisten ausländischen Plattformen (z.B. auch Zopa, Prosper, Lending Club) sind aus regulatorischen Gründen nur für Anleger mit Wohnsitz im jeweiligen Land nutzbar.

Klaus-Martin Meyer: smava bietet auch Kredite für Selbständige an. Gibt es Bereiche von P2P-Kredite und die Startup-Finanzierung über Crowdfunding-Plattformen in Konkurrenz treten könnten?

Claus Lehmann: Startup-Finanzierung ist aufgrund des hohen Risikos eher ein Feld für Crowdinvestments. Wenn es aber um Firmenfinanzierung generell geht, dann bieten auch hier P2P Kredite große Chancen. In England hat Fundingcircle.com seit dem Start in 2010 bereits für 68 Millionen Pfund Kredite von Privat an Firmen finanziert. Das ist eine stattliche Summe.
Sowohl bei P2P Krediten als auch bei Crowdinvestments sind die Rahmenbedingungen in Deutschland für die Plattformen gegenüber z.B. England aber schwieriger. Bei P2P Krediten müssen die Plattformen wegen der Anforderungen des Kreditwesengesetzes mit einer Bank kooperieren. Und beim Crowdinvesting bedingen Notarzwang, Prospektpflicht, Einschränkung der Einlagenverwaltung und weitere Bestimmungen, dass keine „echten“ Unternehmensanteilen über Crowdinvestments erworben werden. Die deutschen Crowdinvestment Plattformen weichen daher auf stille Beteiligungen, Genussrechte, partiarische Darlehen o.ä. aus.

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