„In Zeiten von extrem niedrigen Zinsen, Turbulenzen an den Kapitalmärkten und Unsicherheiten um den Euro, sind alternative Anlageformen auch für die Masse (die Crowd) der Kleinanleger interessant geworden.“ – Interview mit Wilhelm Herder-Hebenbrock (startkapital-online.de)

startkapital-online.de

Logo startkapital-online.de

Klaus-Martin Meyer: Mit startkapital-online.de haben Sie eine Crowdfunding-Plattform für den Mittelstand gestartet. Der Mittelstand ist in Deutschland sicherlich die aggregiert betrachtet größte „Branche“. Wie wichtig wird Crowdfunding für den Mittelstand in Zukunft werden?

Wilhelm Herder-Hebenbrock: Wir sind eine Unternehmerinitiative, die Ihre Wurzeln zwar im deutschen Mittelstand hat, deren Fokus sich aber schwerpunktmäßig auf Existenzgründungen und junge, etablierte Unternehmen richtet. Unser mittelfristiges Ziel ist zweifellos, junge Unternehmen baldmöglichst in die Lage zu versetzen, Mittelständler zu werden.

Unsere als Verein organisierte Unternehmer-Initiative „Unternehmerforum für den Mittelstand e.V.“ bietet seit über 11 Jahren Existenzgründungen und Unternehmen während des Startup, im Aufbau während der ersten fünf Jahre, oder bei wirtschaftlichen Problemen, kollegiale Hilfen in praktisch allen unternehmerischen Situationen an. Ehemalige und aktive Unternehmer und Führungskräfte setzten dabei ihre praxiserprobten Fähigkeiten, ihr Eigenkapital und ihr Netzwerk ein, um als private Initiative effektive Wirtschaftsförderung und alternative Projektfinanzierungen im gesamten Raum der EU und in der Schweiz zu unterstützen. Im Laufe der letzten Jahre haben wir festgestellt, dass gerade Startups oft schon mit überschaubaren Finanzmitteln maßgeblich geholfen werden könnte, z.B. ein neues Produkt zu Ende zu entwickeln, eine professionelle Marketing-Strategie erarbeiten zu lassen, oder eine effiziente Werbe-Aktion zu starten. In dieser Unternehmensphase sagen aber in aller Regel die Banken „nein“, Investment- und Beteiligungsgesellschaften „zu früh“, und den öffentlichen Fördermittelgebern sind wegen des Hausbankprinzips die Hände gebunden. Was bleibt, ist privates finanzielles Engagement.

In Zeiten von extrem niedrigen Zinsen, Turbulenzen an den Kapitalmärkten und Unsicherheiten um den Euro, sind alternative Anlageformen auch für die Masse (die Crowd) der Kleinanleger interessant geworden. Crowdinvesting, das passende Gegenstück zu Crowdfunding, bedeutet ja, mit entbehrlichem Geld in die reale Wirtschaft zu investieren und als meist stiller Teilhaber Mitunternehmer werden. Das alles bei einem auf die Einlage begrenztem Risiko. Wenn sich das so „crowdfinanzierte“ Unternehmen gut entwickelt, können die Renditeaussichten sehr attraktiv sein, erst recht, wenn ein späterer Verkauf oder erfolgreicher Börsengang erfolgt. Und auf jeden Fall kann der Crowdinvestor mit dem guten Gefühl leben, etwas Gutes für die Gesellschaft beigetragen zu haben – z.B. zur Schaffung oder Erhaltung von Arbeitsplätzen.

Diese leicht nachvollziehbaren Argumente haben uns dazu bewogen, um den Jahreswechsel die Crowdfunding-Plattform www.startkapital-online.de ins Leben zu rufen. Eine mögliche Frage nach der Qualifikation unseres Managements zur Bewertung von Projekten und Unternehmen, ist leicht beantwortet. Unser Motto ist: „Niemand kennt die Märkte, die Chancen und die Risiken von unternehmerischen Vorhaben besser und kann bessere Tipps für unternehmerischen Erfolg geben, als Menschen, die selbst ein Arbeitsleben lang Unternehmer waren bzw. es noch sind“.

Die Frage, ob das alternative Finanzierungsinstrument Crowdfunding auch für den etablierten Mittelstand greifen kann bzw. wird, würde ich grundsätzlich mit „ja“ beantworten. Warum eigentlich nicht? Es geht dabei doch um die oft sehr notwendige Erhöhung der Eigenkapitaldecke, z.B. um neue Geschäfte entwickeln zu können. Mehr Eigenkapital auf dem Firmenkonto kann u.a. aber auch hilfreich sein, um z.B. bei Bankgesprächen einen wesentlich besseren Stand zu haben. Die Frage stellt sich wahrscheinlich viel eher, ob und ab wann sich etablierte Mittelständler an den Gedanken gewöhnen können, ein paar hundert – wenn auch stille – zusätzliche Gesellschafter auf Zeit mit im Boot zu haben. Hier sehe ich die mit Abstand größere Hürde.

Klaus-Martin Meyer: Der Mittelstand ist sehr heterogen. Wie werden Sie es schaffen, einen liquiden Marktplatz mit hinreichend vielen Investoren zu etablieren?

Wilhelm Herder-Hebenbrock: Wie gesagt, unser Unterstützungsfokus richtet sich zwar aus der Position des Mittelstands, aber zunächst primär auf Gründer und junge, etablierte Unternehmen. Wie Sie richtig bemerken, ist der Mittelstand in Deutschland sehr heterogen. Es kann sich dabei vielleicht um drei Dutzend Mitarbeiter einer hochspezialisierten Biotech-Firma handeln, oder auch um viele Tausend eines Maschinenbauers. Ob und ab wann wir die ersten echten Mittelständler unter unseren im Beteiligungsangebot befindlichen Unternehmen vorstellen können, kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. An uns wird es nicht liegen. Wir kennen uns als Unternehmerkollegen des Mittelstands in diesem Metier bestens aus und können beurteilen, was wirtschaftlich Sinn machen würde und was nicht. Für Crowd-Investoren haben wir heute schon kleine Unternehmen mit mehrjähriger, erfolgreicher Vergangenheit im Beteiligungs-Angebot. Die sind natürlich für eine Investition besonders attraktiv, weil das unternehmerische Risiko viel überschaubarer ist, als bei Startups.

Klaus-Martin Meyer: Das Wallstreet Journal Deutschland beziffert das mittel- bis langfristige Potential des Crowdfundings in Deutschland auf über 20 Milliarden Euro jährlich. Halten Sie dieses Volumen für möglich und welches Volumen peilen Sie mit Ihrer Plattform selber mittel- bis langfristig an?

Wilhelm Herder-Hebenbrock: Ja, ich bin Optimist und auch sicher, dass das Wallstreet Journal Deutschland ordentlich recherchiert hat. Wir sind gerade dabei unsere neue Crowdfunding-Plattform www.startkapital-online.de in der Internet-Gemeinde zu etablieren. Das geht auch mit allen möglichen SEO-Tricks etc. pp. nicht von heute auf morgen. Aber auf die Frage, welches Volumen wir mittel- bis langfristig pro Jahr anpeilen, möchte ich Ihnen gerne die Größenordnung von ca. 3 bis 10 Mio. Euro pro Jahr voller Überzeugung nennen.

Klaus-Martin Meyer: Zum Abschluss die Frage nach der Mindestinvestitionssumme von 250 Euro. Es gibt bei diesem Thema eine große Bandbreite zwischen 5 und 1000 Euro. Warum haben Sie sich für 250 Euro entschieden?

Wilhelm Herder-Hebenbrock: Das Mindestinvestitionsvolumen haben wir lange diskutiert. Zu kleine Beträge halten wir für unsinnig, weil möglichweise die Ernsthaftigkeit und die Seriosität des Crowdfunding-Geschäfts Schaden nehmen könnte. Es handelt sich ja um keine Lotterie, schließlich sollen die erworbenen Anteile auch einen ernstzunehmenden Gegenwert darstellen und etwas sinnvolles bewegen können. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass ein in diesem Fall notwendigerweise in die Tausende gehendes Heer stiller Gesellschafter einem Unternehmen nicht nur Freude, sondern auch erheblich zusätzliche Arbeit machen würde. Zu hohe Beträge hielten wir für den Einstieg auch nicht für angeraten, da wir ja gerade den Kleinanlegern eine Chance geben wollen, die sich aus Gründen der Risikostreuung auch viel sinnvoller ein Portfolio aus verschiedenen Anlagen zusammenstellen sollen. Schließlich haben wir uns auf 250 Euro geeinigt, als ein Betrag, der gerade als Einstiegsgrößenordnung verkraftbar ist. Wer mehr ausgeben kann oder will, dem bleibt es unbenommen, mehrere Anteile zu erwerben.

Markiert mit .Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

Schreibe einen Kommentar