„Somit spielt das Thema für uns als Research, aber auch für die Bankenlandschaft insgesamt natürlich eine Rolle.“ – Interview zum Thema Crowdfunding mit Thomas F. Dapp (DB Research)

Klaus-Martin Meyer: Sie sind Economist bei Deutsche Bank Research. Könnten Sie sich und ihren Arbeitgeber bitte kurz vorstellen?

Thomas F. Dapp: Seit über vier Jahren arbeite ich in der volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutsche Bank AG. Deutsche Bank Research ist verantwortlich für die gesamtwirtschaftliche Analyse in der Deutsche Bank Gruppe und berät die Bank, ihre Kunden und die interessierte Öffentlichkeit. Wir verfolgen die für die Bank relevanten Trends auf den Finanzmärkten, in Wirtschaft und Gesellschaft einschließlich ihrer Chancen und Risiken. Meine Schwerpunkte und Interessen liegen im Bereich digitale Ökonomie; Netzpolitik; Innovation; Öffnungsprozesse in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sowie im weiteren Sinne bei web-basierten Technologien (Biometrie, Bezahlmodelle, etc).

Klaus-Martin Meyer: Sie haben bei DB Research eine Studie zum Thema Crowdfunding erstellt. Warum ist dieses Thema für die Deutsche Bank AG von Interesse?

Thomas F. Dapp: P2P-Plattformen sowie Finanzierungsmöglichkeiten über die „Crowd“ gewinnen in Deutschland zunehmend an Bedeutung, wenn auch noch mit überschaubaren Finanzierungsvolumina. Dieser Trend resultiert u.a. aus dem digitalen Strukturwandel. Mit den modernen web-basierten Technologien wird derzeit viel experimentiert. Dabei werden neue Wachstums- und Innovationsimpulse gesetzt, die für eine ressourcenarme, dafür aber wissensintensive Volkswirtschaft wie Deutschland gesamtwirtschaftlich zu begrüßen sind.
Zudem ist in der vergangenen Dekade die Zahl der Selbstständigen kräftig gestiegen. Gerade in den Frühphasen benötigen Selbstständige Startkapital für die Realisierung ihres Vorhabens. Neben klassischen Finanzierungsquellen wie Krediten, Venture Capital (VC) oder Fördergeldern bieten zunehmend auch Crowdfinancing-Plattformen mit geringeren Volumina eine durchaus alternative oder ergänzende Finanzierungsart für Jungunternehmen, Frei- und Kreativschaffende (z.B. Künstler, Autoren, Musiker, Journalisten, Designer etc.) oder private Kreditnehmer. Somit spielt das Thema für uns als Research, aber auch für die Bankenlandschaft insgesamt natürlich eine Rolle.

Klaus-Martin Meyer: Sie betrachten in Ihrer Studie vor allem Crowdfunding als Vehikel zur Finanzierung von (kreativen) Projekten. Haben die traditionellen Banken es versäumt, Kreativen wie Künstlern und Journalisten die passenden Kreditangebote zu machen oder ist das kein relevanter Markt?

Thomas F. Dapp: Von Versäumnissen würde ich nicht sprechen, vielmehr ist es eine geschäftsstrategische Entscheidung. I.d.R. haben viele (Solo-)Selbstständige, Frei- und Kreativschaffende Schwierigkeiten, ihre Projekte zu finanzieren. Künftige Mittelzuflüsse – und damit die Basis für Kreditrückzahlungen – sind schwer abzuschätzen. Daneben verfügen viele der Selbstständigen meist über keine hinreichenden Sicherheiten oder regelmäßige Einkommensströme. Eine Finanzierung über klassische Finanzinstitute wird dadurch zur Herausforderung. Ein weiteres Problem für Selbstständige und Kleinstbetriebe stellen die geringen Kreditvolumina dar: Oftmals benötigen sie Beträge von weniger als EUR 30.000. Bei dieser Größenordnung ist eine Kreditvergabe für Geschäftsbanken wegen des erforderlichen Verwaltungsaufwandes häufig nicht attraktiv.
Die öffentliche Hand versucht, das Problem der Unterfinanzierung mit Fördergeldern und Beratungsstellen zu korrigieren. Vor allem in den Bereichen Qualifizierung und Existenzgründung gibt es auch umfassende Förderprogramme. Aber speziell für Kreativ- und Freischaffende sollte sich hier ein breiteres Verständnis und ein differenzierter Innovationsbegriff etablieren. Die Definition von Innovationen in bestehenden (öffentlichen) Förderprogrammen entspricht nicht zwingend der Arbeitsweise der Kreativ- und Freischaffenden. Innovationen haben viele Gesichter. Oftmals wird übersehen, dass kreative Ideen auch außerhalb der Hoch- und Spitzentechnologie ihren Weg in die Märkte finden. Eine Beschränkung auf die vorwiegend technologische Innovationsförderung lässt viele Wertschöpfungspotenziale der Selbstständigen ungenutzt. Gerade durch die Digitalisierung bzw. durch den Einsatz web-basierter Technologien ermöglichte Innovationen (z.B. IT-Dienste, Apps) finden (noch) kaum Berücksichtigung in den etablierten Förderprogrammen. Insgesamt bleibt die Finanzierung für große Teile der Selbstständigen auf den traditionellen Wegen somit schwierig.
Vor dem Hintergrund der begrenzten klassischen Finanzierungsangebote bestehen durchaus Chancen, dass Crowdfunding-Plattformen gerade für Frei- und Kreativschaffende mit eher niedrigen Finanzierungsvolumina an Attraktivität gewinnen.

Klaus-Martin Meyer: Auch wenn die Szene bereits von einem Hype spricht, so befindet sich das (equity based) Crowdfunding noch in einer recht frühen Phase. Wie schätzen Sie das Potential der Startup- oder auch der Mittelstands-Finanzierung über die Crowd ein?

Thomas F. Dapp: Die Geldgeber im Crowdfunding-Prozess sind ja keine klassischen Investoren, weil sie keine Anteile an dem geplanten Projekt halten, sondern alternativ kompensiert werden. Die Gegenleistungen sind häufig immaterieller Natur oder werden in Form von Sachleistungen (Bücher, Musik-CDs, Kinokarten, Namensnennung im Filmabspann, Mitwirken in einem Video, Privatkonzerte etc.) angeboten, deren Wert sich nach der Höhe der Beteiligungssumme richtet.
Im Gegensatz dazu investieren die Kapitalgeber beim Crowdinvesting ihr Geld, um bei einer möglichen Gewinnerzielung auch monetär beteiligt zu werden. Die Geldgeber erhalten für ihr Kapital z.B. Anteile am Unternehmen oder eine stille Teilhaberschaft ohne Mitspracherecht. Das Crowdinvesting birgt somit weitaus mehr Risiken für die Kapitalgeber als das Crowdfunding, zumal hier höhere Summen im Spiel sind. Gerade für Start-ups und/oder mittelständische Unternehmen könnten diese neuen Schwarmfinanzierungen in Kombination mit klassischen Finanzierungen durchaus attraktiv sein.
Aus volkswirtschaftlicher und wachstumspolitischer Sicht sind die Anstrengungen sowohl der Crowdfunding- als auch der Crowdinvesting-Plattformen zu begrüßen. Letztere Finanzierungsidee steckt aber noch tief in den Kinderschuhen (u.a. wg. juristischer Unsicherheiten) und unterliegt je nach Finanzierungsvolumen einer regulativen Aufsicht. Bei beiden Ideen sehe ich aufgrund des technologischen Fortschritts und dem Mangel an zusätzlichen Finanzierungsquellen weiteres Experimentier- und Wachstumspotenzial, welches sich in den nächsten Jahren sicherlich in Zusammenarbeit mit der „Crowd“ weiterentwickeln wird.

Klaus-Martin Meyer: Abschließend würde mich interessieren, für wie wichtig Sie eine staatliche Regulierung eines Crowdfunding-Finanzmarktes halten. In den USA kommt – im Gegensatz zu Deutschland – der Markt ja noch nicht recht in die Gänge. Könnte sich Deutschland durch eine zügige Gesetzgebung Wettbewerbsvorteile sichern?

Thomas F. Dapp: Hier muss sicherlich zwischen Crowdfunding und Crowdinvesting unterschieden werden. Crowdfunding-Plattformen unterliegen ja aufgrund ihrer eher niedrigen Finanzierungsvolumina (i.d.R. unter EUR 100.000) nicht der gesetzlich geforderten Verkaufsprospektpflicht. Die Prospektpflicht greift allerdings bei der noch relativ unbekannten Finanzierungsform des Crowdinvesting. Zusätzlich muss das Prospekt von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin) genehmigt werden. Diese zusätzlichen administrativen und regulativen Hürden bei Summen über EUR 100.000 könnten in Deutschland dazu führen, dass sich die Crowdfinancing-Bewegung nur langsam entfalten kann.
In den USA hingegen wurde im vergangenen Jahr der “Crowdfunding Act” (Capital Raising Online While Deterring Fraud and Unethical Non-Disclosure Act) als Teil des “Job Act” verabschiedet und durch den US-Senat im März in Kraft gesetzt. Primäres Ziel ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Das Gesetz soll zu mehr Investitionen privater Haushalte anregen und Start-Ups sowie Jungunternehmen den Zugang zu Anschubfinanzierungen über Crowdfinancing-Plattformen erleichtern. Hierfür wurden deregulierende Maßnahmen getroffen und klare Richtlinien für die Finanzierung von Unternehmen über die Crowd definiert. Crowdfinancing-Plattformen, die sich nicht ausschliesslich mit der Finanzierung von Selbstständigen und Privatpersonen beschäftigen, sondern auch mit der von Unternehmen (also im Bereich Crowdinvesting), müssen sich vorab bei der US-Börsenaufsicht (SEC, Securites and Exchange Commission) registrieren lassen. Die Unternehmen dürfen nicht mehr als USD 1 Million über die Plattform generieren.
Auf europäischer Ebene wurde von Vertretern und Unterstützern der Crowdfunding-Bewegung ein Papier an die EU adressiert, in dem u.a. adäquate Rahmenbedingungen, Forschungsanstrengungen in diesem noch jungen Bereich sowie Deregulierungsmaßnahmen gefordert werden.
Mehr Infos unter: www.crowdfundingframework.eu
Daher könnte nicht isoliert für Deutschland, sondern eine auf EU-Ebene harmonisierte Deregulierungsmaßnahme den Markt für die noch überschaubaren Crowdfunding- bzw. Crowdinvesting-Plattformen beflügeln. Beispiele für eine solche Harmonisierung wäre die Anhebung der Bagatellgrenze auf EUR 1 Mio. sowie eine Reduzierung der Rechtsunsicherheiten.

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