„Diese Kombi – gute Internet-Infrastruktur, eine dynamische Jugend und die Notwendigkeit von Innovationen – sehe ich als großes Potential für Crowdfunding in China an.“ – Interview mit Andrea Funk (Uni Würzburg)

Andrea Funk, M. Sc.

Andrea Funk, M. Sc.

Klaus-Martin Meyer: Andrea, Du bist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Würzburg und beschäftigst Dich intensiv mit Crowdfunding. Könntest Du dich und eine Aktivitäten bitte kurz vorstellen?

Andrea Funk: Gerne. Ursprünglich bin ich Sinologin und VWLerin. Daneben interessiere ich mich generell für Themen rund um Entrepreneurship. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Würzburg, am Lehrstuhl China Business and Economics, kann ich meine Interessen mit meiner Arbeit gut verbinden. Neben der Lehre zu Chinas Wirtschaft konzentriere ich mich auf meine Promotion. Außerdem wollte ich schon immer mal eine eigene Firma gründen. Bei der Planung davon stieß ich auf Crowdfunding, und schon war das Thema meiner Dissertation geboren. Die theoretischen Kenntnisse, die ich mir für meine Diss anlese, helfen mir auch bei der Umsetzung meiner zukünftigen Crowdfunding-Aktion; die praktischen Erfahrungen aus dieser werde ich wiederum in meine wissenschaftliche Arbeit einfließen lassen. Crowdfunding ist von der Wissenschaft bisher noch kaum beleuchtet worden. Zwar gibt es ein paar Aufsätze und wenige Monographien zu dem vermeintlich neuen Phänomen, jedoch beschränken sich diese auf Europa oder die USA. Das möchte ich ändern.

Klaus-Martin Meyer: Du kommst gerade aus China zurück und hast dort Eindrücke in der Crowdfunding-Szene gesammelt. Wie kam es dazu?

Andrea Funk: Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, den Fokus meiner Arbeit auf Crowdfunding in China zu legen, versuchte ich via LinkedIn und andere Kanäle chinesische Akteure zu kontaktieren. In chinesischen Artikeln stieß ich immer wieder auf auf ein und dieselbe Person: He Feng, ein junger Chinese, der in Stanford studiert und hinterher in China die erste CF-Plattform gegründet hatte. Das Geld dafür sammelte er auf Kickstarter. Der Kontakt zu Feng öffnete mir die ersten Türen zu Chinas Crowdfunding-Szene.

Klaus-Martin Meyer: Was zeichnet die Szene ich China verglichen mit den bei uns bekannten Plattformen aus?

Andrea Funk: In China gibt es bis dato vier nennenswerte Plattformen: demohour.com (Fokus auf Hardware); dreamore.com (Software); jue.so (Design) und musikid.com (überwiegend Musik); zusammengenommen halten diese über 80% des Marktes, wobei demohour und dreamore klar dominieren. Die Szene konzentriert sich auf ein Viertel in Peking, Zhongguancun, dem „chinesischen Silicon Valley“. Derzeit entstehen viele weitere Plattformen, jedoch tut sich jeder schwer, da in China noch kaum jemand etwas mit dem Begriff Zhongchou (众筹 Crowdfunding) anfangen kann. Überhaupt, die gesamte Startup-Szene ist sehr klein, jeder kennt jeden. Während sich bei uns die Plattform-Betreiber ihre Projekte durchaus aussuchen können, beschäftigt dreamore zum Beispiel viele Scouts, die gezielt nach Künstlern oder Kreativen Ausschau halten. Oftmals müssen sie den Gründern dann erst mal das Konzept Crowdfunding erklären, und sie anschließend überzeugen, um sie für ihre Plattform zu gewinnen.

Crowdfunding China

Klaus-Martin Meyer: Wie sieht es in Bezug auf das Thema equity based Crowdfunding aus?

Andrea Funk: Das gibt es in China offiziell nicht. Im Gegenteil, es gibt Gesetze, die dergleichen strikt verbieten. Zwar herrscht in China eine große Schattenwirtschaft und sicherlich gibt es unzählige Privatleute, die sich auf diese Weise Kapital beschafft haben; jedoch schrecken diverse Schlagzeilen wie „Todesstrafe für illegales Fundraising„, die immer mal wieder erscheinen, dann doch den ein oder anderen davon ab.
Folglich reden wir bei Crowdfunding in China ausschließlich von donation- oder aber reward-based.

Klaus-Martin Meyer: Wie wird sich aus Deiner Sicht das Crowdfunding in den kommenden Jahren in China entwickeln?

Andrea Funk: Entscheidend wird sicherlich sein, ob und falls ja, dann wie sich die Regierung zu Crowdfunding äußern wird. Noch operieren die Plattformen in einer Grauzone; wegen ihrer relativ kleinen Größe und den geringen Summen werden sie geduldet und nur vereinzelt von Parteifunktionären in Reden aufgegriffen.
Noch wissen die meisten Chinesen überhaupt nicht von der Existenz von dreamore und demohour, doch die Buschtrommeln, und vor allen Dingen die (chinesischen!) Social Media funktionieren in China ganz gut. Man sollte vielleicht im Hinterkopf behalten, dass mittlerweile in China schon mehr Leute online sind als in den USA.
Zwar pflegen die Chinesen keine Spendenkultur, doch die junge Generation kennt den Westen und unsere Gepflogenheiten recht gut; außerdem legen die jungen Leute insgesamt weniger Geld auf die hohe Kante; dagegen wollen sie mit ihrem Kapital etwas bewegen.

Außerdem muss sich China ohnehin bald neu erfinden; das alte Wachstumsmodell wird sicher nicht ewig funktionieren. Nur durch Innovationen und kreative Unternehmen wird das Land seinen Aufstieg fortsetzen können.

Diese Kombi – gute Internet-Infrastruktur, eine dynamische Jugend und die Notwendigkeit von Innovationen – sehe ich als großes Potential für Crowdfunding in China an.

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2 Responses to „Diese Kombi – gute Internet-Infrastruktur, eine dynamische Jugend und die Notwendigkeit von Innovationen – sehe ich als großes Potential für Crowdfunding in China an.“ – Interview mit Andrea Funk (Uni Würzburg)

  1. Pingback:Wird China der Nabel der Crowdfunding-Welt? | Crowdfunding Blog - Crowd-Investments in Start-ups & Projekte

  2. Einen ausführlichen Reisebericht hat Andrea in diesem Blogbeitrag verfasst:
    http://www.gruendertaxi.com/index.php/blog/item/94-crowdfunding-china-crowdinvesting