Expansionsstrategien von Crowdfunding-Plattformen

Kommentar

Am 4. Oktober tauchte hier im Blog ein ganz interessanter Kommentar eines Lesers auf, der mich motiviert hat, mir einmal Gedanken über die unterschiedlichen Expansionsstrategien von Crowdfunding-Marktplätzen zu machen. Der Kommentar bezieht sich auf den Markteintritt von FundedByMe in Deutschland, den ich Anfang August gepostet hat. Der Kommentar lautet:

“Es erscheint etwas merkwurdig, dass FundedByMe zwar in alle Welt expandiert – jedoch die FBM Crowd nicht paralell zu wachsen scheint … es waere nicht das erste Mal, dass eine Crowd einfach kollabiert. Mir sieht das Ganze eher nach “Window Dressing” aus: in ein paar Monaten oeffnet sich in den USA das Crowdfunding aufgrund des JOB Acts von “reward” zu “equity” … FBM moechte fuer potenzielle US Crowdfunding Sites einfach ein attraktiver Uebernahmekandidate sein, mit internationalen Offices. Die Entrepreneurs haben dann das Nachsehen… Ich wuerde allen Unternehmern raten, sich auf solide Plattformen mit einem lokalen Track-Record zu verlassen – und nicht auf fadenscheinige Versprechen.”

Aus der kritischen Anmerkung geht hervor, dass der Leser sich durchaus weitblickende Gedanken gemacht hat. Es wird unterstellt, dass auch eine Crowdfunding-Plattform den eigenen Exit im Auge haben könnten, was natürlich legitim ist, wenngleich es auch eine riskante Strategie ist, sollte man – wie hier unterstellt – im Stile eines Samwer-Clones alles auf diese Karte setzen.

Dieser Tage fallen vor allem drei Plattformen durch Ankündigungen unterschiedlicher Expansionsstrategien auf:

  • FundedByMe ist dabei international zu expandieren. Der Markteintritt in Deutschland steht unmittelbar bevor und hängt augenscheinlich nur an der Benennung eines Country Managers.
  • Insepankur expandiert nach dem Markteintritt in Finnland nun auch in Spanien, zudem gibt es auf der Plattform seit ein paar Tagen auch eine deutsche Spracheinstellung.
  • Seedmatch geht dagegen einen anderen Weg. Man bleibt im Heimatmarkt, klont die Plattform und will ein neues Marktsegment abseits der Startup-Finanzierung bearbeiten.

Den dicksten Brocken hat sich aus meiner Sicht FundedByMe vor die Brust genommen. Deutschland ist zwar der größte Markt in der EU, aber hierzulande herrscht auch die größte Dichte an Plattformen, die bereits erfolgreich regelmäßig Fundings realisieren und eine große Anzahl von Firmen, die sich anstrengen, dies nachhaltig in Zukunft ebenfalls zu schaffen. Für den Anleger ist die Internationalisierung der Plattformen sicherlich eine schöne Sache, damit man das Portfolio auch regional streuen kann. FundedByMe sieht sich selber als am schnellsten wachsende CF-Plattform in Europa und man hat mit bisher knapp vier Millionen Euro Fundingsumme eingesammelt. Im Hinblick auf den mehr oder weniger unterschwellig formulierten Vorwurf des o.a. Kommentars, könnte man den Markteintritt aus eigener Kraft zumindest als Indiz für die Ahnung des Lesers interpretieren. Denn dieser ist ganz sicher deutlich günstiger und weniger risikoreich, verglichen mit dem Kauf einer Plattform wie Seedmatch, Companisto oder auch Fundsters. Innovestment wäre ggf. eine Option gewesen, wo man aus strategischer Sicht hätte zugreifen sollen. Sollte der Kommentator mit seiner Theorie Recht haben, so macht es aus Sicht des Startups FundedByMe ganz sicher Sinn, in Europas Kernmarkt vertreten zu sein.
Zwar dürfte vom Standpunkt eines amerikanischen Crowdfunding-Players (der sich selber ja erst etablieren müßte) in Europa Crowdcube das erste Übernahmeziel sein (evtl. auch Seedrs). Aber es gibt auch zwischen den USA und Skandinavien im Finanzbereich Verbindungen, wie das Beispiel Nasdaq OMX zeigt.

Am logischsten ist aus meiner bescheidenden Beobachterperspektive aus der Provinz die Expansion von Isepankur. Man hat eine sehr starke Markstellung im Heimatland mit spektakulären Wachstumsraten. Ist dann zunächst nach Finnland gegangen, wofür es sicherlich geografische und kulturelle Gründe gibt. Nun wählt man sich mit Spanien erstmals einen großen Markt aus, der Sinn zu machen scheint. Zudem ist die Nutzung der Plattform als Investor für alle EU-Mitglieder möglich, so dass Investoren seitig das Geschäftsmodell auf jeden Fall gestärkt wird, selbst wenn man nicht in jedem nationalen Markt Kredite vermittelt. So können Investoren in Deutschland Kredite an Esten, Finnen und Spanier vergeben, um ein durchdachtes Kreditportfolio aufzubauen. Und das kann auf einer einzigen Plattform passieren. Auf je mehr lokalen Märkten man aktiv wird, umso besser. Da würde ich das Fazit ziehen, egal ob man sich eines Tages von einem finanzstarken Player kaufen lassen wollte, diese Strategie macht auf jeden Fall Sinn.

Seedmatch bewegt sich mit der Expansion auf einen themenfremden Markt in der Heimat sicher am weitesten vom eigenen Markenkern weg. Konsequenterweise klont man die Plattform auch und wird eine neue Marke etablieren. Ob dies zwingend notwendig wäre, sei einmal dahingestellt. Das Funding für Aoterra kann immerhin als Fingerzeig interpretiert werden, dass es bei den Zielgruppen, die man adressiert durchaus Überschneidungen gibt. Man trägt dem Rechnung, dass man sich auf der neuen Plattform auch mit den bekannten Zugangsdaten einloggen kann.

Mag sein, dass ich etwas vorschnell mit meinem Urteil bin, denn die neue Plattform ist ja heute noch nicht gestartet. Auch kann es wirtschaftlich betrachtet rational sein, die Entwicklungskosten einer Internetplattform auf neuen Märkten als Hebel einzusetzen. Der avisierte Markt ist auch von sehr relevanter Größe, ganz sicher größer als der Markt der Startup-Finanzierungen. Mit diesem Argument hätte man sich aber auch für Containerschiffe, Flugzeugleasing oder Filmfonds entscheiden können. Ob Ökoanlagen mit der gleichen Begeisterung wie Startups vermittelt werden können, wenn man zuvor die Startups als Passion betrachtet hat, will ich mit einem kleinen Fragezeichen versehen. Dazu kommt, dass man bisher beim (equity based) Crowdfunding Pionier war. Im neuen Markt trifft man auf ganz andere Rahmenbedingungen. Kurzum: Mich überzeugt der Schritt von Seedmatch bisher noch nicht so richtig. Aber vielleicht werde ich ja direkt nach dem Launch meine Meinung ändern müssen, dass will ich heute nicht gänzlich ausschließen.

Würde mich über Kommentare freuen, wie Ihr die Expansionsstrategien seht!

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