„Keine Bank gibt in Deutschland einem jungen Unternehmen aus diesem Bereich einen ausreichenden Kredit“ – Interview mit Bettina Brammer zum Seedmatch-Crowdfunding „OvulaRing“

OvulaRing

Klaus-Martin Meyer: Frau Brammer, Sie sind Gesellschafterin, Leiterin Marketing und Vertrieb der VivoSensMedical GmbH. Könnten Sie sich und die Firma bitte kurz vorstellen?

Bettina Brammer: Die VivoSensMedical GmbH ist ein 2011 gegründetes Leipziger Medizintechnik Startup, das es sich zum Ziel gesetzt hat, neue Standards im Bereich Gynäkologie, Reproduktions- und Sexualmedizin zu setzen. Der OvulaRing ist dabei ein erster Baustein in der Entwicklung von Diagnostika für die komplette fruchtbare Phase der Frau von Empfängnisoptimierung über Verhütung bis hin zur Detektion von Frühgeburten und der exakten Prognose für den Geburtstermin selbst.
Entwickelt wurde OvulaRing zur Empfängnisoptimierung von Prof. Dr. Henry Alexander, einem der renommiertesten Reproduktionsmediziner Deutschlands. Er blickt auf über 40 Jahre Erfahrung in der Medizin zurück. Mit seiner Unterstützung wurde im Universitätsklinikum Leipzig 1985 eines der ersten durch künstliche Befruchtung gezeugten Babys Deutschlands geboren. 1990 wurde er Leiter der neu gegründeten Abteilung für Humane Reproduktion und Endokrinologie. Im Laufe seiner Karriere verhalf er mehr als 1200 Eltern durch künstliche Befruchtung zu einem Baby. Prof. Dr. Henry Alexander wird seit 20 Jahren unter den Top-Ärzten Deutschlands auf der Focus-Ärzteliste geführt.
Der OvulaRing ist ein weltweit einzigartiger Biosensor zur Bestimmung der fruchtbaren Tage der Frau. Er dient einerseits der Empfängnisoptimierung bei anstehendem Kinderwunsch, andererseits kann er zur natürlichen Verhütung eingesetzt werden. Der Ring wird von der Frau vaginal getragen und verbleibt während des gesamten Zyklus im Körper und zeichnet dort die Körperkerntemperatur auf. Durch 288 Messpunkte am Tag sind die Aussagen sehr viel präziser als bei allen gängigen Methoden am Markt. Zudem ist der Ring einfach in der Handhabung, die Frau muss sich nicht mit lästigem morgendlichen Temperaturmessen bzw. Hormonbestimmen auseinandersetzen. Die gesammelten Daten werden mittels einer webbasieren, von Spezialisten entwickelten Software ausgewertet. Der OvulaRing bietet zudem eine präzise Prognose des Eisprungs für den Folgemonat.

Klaus-Martin Meyer: Welche Formen der Kapital-Akquisition stehen jungen MedTech-Firmen grundsätzlich offen?

Bettina Brammer: Da bei der Entwicklung, Zulassung und Markteinführung von medizintechnischen Produkten in der Regel höhere Finanzierungsvolumina benötigt werden, stehen für die Kapitalakquisition eigentlich nur Formen des Risikokapitals zur Verfügung. Keine Bank gibt in Deutschland einem jungen Unternehmen aus diesem Bereich einen ausreichenden Kredit, da die Sicherheiten dafür gar nicht geleistet werden können. Im Risikokapitalbereich stehen Business Angel, Family Offices oder VC Fonds zur Verfügung. Leider ist hier der Markt in Deutschland unterentwickelt, insbesondere im Bereich Seed und Early Stage. Eine neue und spannende Form der Risikokapitalfinanzierung hat sich nun mit dem Crowdfunding bzw. Crowdinvesting entwickelt.

Klaus-Martin Meyer: Warum haben Sie sich für ein Crowdfunding entschieden und warum via Seedmatch. Welche Rolle spielte ggf. die regionale Nähe?

Bettina Brammer: Wir haben uns für Crowdfunding entschieden, weil uns die Symbiose aus Marketingeffekten und Kapitalakquisition überzeugt hat. Wir sehen hier ein attraktives Finanzierungsmodell für das Unternehmen und für die Crowd. Die regionale Nähre für die Auswahl von Seedmatch hat hier eher eine untergeordnete Rolle gespielt, wenngleich sie zur Beschleunigung des Prozesses beigetragen hat. Seedmatch ist in Deutschland Marktführer auf diesem Gebiet und verfügt über ein tolles, kompetentes Team.

Klaus-Martin Meyer: Eine Unternehmensbewertung von rund 6 Mio. Euro bei einem geplanten Umsatz von 151.000 Euro in diesem Jahr könnte man als ambitioniert empfinden.Warum ist die Bewertung aus Ihrer Sicht dennoch fair?

Bettina Brammer: Das Thema Bewertung von innovativen Unternehmen und deren Zukunft ist wie immer ein Schwieriges. Wir sind der Meinung, dass die Unternehmensbewertung durchaus gerechtfertigt ist, schließlich handelt es sich beim OvulaRing um ein fertig entwickeltes Produkt, das auf 40 Jahren wissenschaftlicher Erfahrung basiert, in Deutschland und Österreich gelauncht wurde, sich bereits in der Anwendung befindet und durch ein umfassendes internationales Patentportfolio geschützt ist. Wir haben schon zwei erfolgreiche Finanzierungsrunden bestritten und bewegen uns in einem hochemotionalen internationalen Wachstumsmarkt mit einem enormen Marktvolumen sowohl im Bereich Kinderwunsch als auch im Bereich der natürlichen Verhütung. Zudem verfügen wir über ein hochmotiviertes Team, dass auf langjähre Erfahrungen in der Wissenschaft und der praktischen Reproduktionsmedizin, im Management, der Produktion sowie im Marketing und Vertrieb zurückblicken kann. Durch unsere Gründer und Gesellschafter verfügen wir außerdem über ein großes Netzwerk in der Medizin und Pharmaindustrie.

Klaus-Martin Meyer: Welche grundsätzlichen Chancen und Risiken muss sich ein Crowdinvestor bei Ihrem Geschäftsmodell vor Augen führen im Rahmen der Investmententscheidung?

Bettina Brammer: Der OvulaRing ein patentgeschütztes, fertig entwickeltes und für Europa zugelassenes Produkt, welches bereits am Markt erhältlich ist. Das Produkt hat das Potential die Reproduktionsmedizin und die Diagnostik im Bereich Frauengesundheit grundsätzlich zu verändern und ermöglicht individualisierte Kinderwunschtherapien mit höheren Erfolgsquoten. Wir befinden uns in einem Markt mit enormen internationalen Wachstumspotential. Das Geschäftsmodell ist international skalierbar. Erste Kontakte bestehen bereits und Verhandlungen mit internationalen Partnern wurden aufgenommen. Das größte Risiko besteht für die VivoSensMedical GmbH darin, dass wir die Akzeptanz für eine breite Nutzung des OvulaRings mit den vorhandenen finanziellen Mitteln nicht schnell genug am Markt aufbauen können. Hinsichtlich der Zielgruppe Ärzte besteht das Risiko, dass diese den etablierten diagnostischen Methoden und Verfahren wie Ultraschall und Hormonwertbestimmung den Vorrang vor dem OvulaRing geben und an einer am Patienten orientierten Diagnostik zu wenig Interesse haben. Insgesamt werden für die erfolgreiche Marktetablierung weitere finanzielle Ressourcen benötigt. Somit besteht die Notwendigkeit, ausreichend Mittel und Ressourcen in Form von Kapital, Kooperationen und Partnerschaften für den OvulaRing zu aktivieren. Den Schwächen wollen wir mit einer fokussierten Marketingstrategie begegnen, welche eine Penetrierung des Marktes ausgehend von der Reproduktionsmedizin und unerfüllten Kinderwünschen beinhaltet. Hier haben wir eine höhere Zahlungs- und Nutzungsbereitschaft ausgemacht. Insbesondere soll mit dem Ausbau des Scientific Marketing und den speziellen Vertriebsressourcen für die Partnernetzwerke der Bekanntheitsgrad gesteigert werden.

Markiert mit .Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

One Response to „Keine Bank gibt in Deutschland einem jungen Unternehmen aus diesem Bereich einen ausreichenden Kredit“ – Interview mit Bettina Brammer zum Seedmatch-Crowdfunding „OvulaRing“

  1. Sandra Hartung sagt:

    Wow! Find ich toll!!! Als jemand, der lange versucht hat schwanger zu werden und das manuelle Tempi-messen als echte Belastung empfand, find ich diese Erfindung wirklich super.