Interview mit Thomas-Frank Dapp und Christoph Laskawi (DB Research) zum Thema Crowdfunding und Risikobewußtsein

DBResearchKlaus-Martin Meyer: Herr Dapp, Herr Laskawi, Sie haben gemeinsam für DB Research ein Paper unter dem Titel „Crowdfunding – Trübt die Euphorie der Crowd das Risikobewusstsein?“ verfasst. Ist es bei neuen Finanzinstrumenten nicht vollkommen normal und nur eine Wiederholung der Geschichte, dass das Risikobewusstsein verzerrt ist?

TFD & CL: Ob das Crowdfunding in seiner ursprünglichen Funktion tatsächlich ein völlig neues Finanzinstrument ist, bleibt zu diskutieren. Es gibt Beispiele aus der Vergangenheit, bei denen Projekte durch das Einsammeln von Kapital durch die Crowd erfolgreich finanziert worden sind. Aber natürlich haben wir heute dank moderner Internet-Technologien effizientere Möglichkeiten, massenmarkttaugliche Produkte, Dienste oder Prozesse vor allem in Frühphasen und innerhalb kürzerer Zeitspannen über die Crowd voranzutreiben bzw. zu realisieren.
Allerdings lässt sich beobachten, dass die meist notwendige Regelebene für optimales oder ausgewogenes Handeln bei dieser hohen Dynamik im Netz und der sich rasch herausbildenden Unterkategorien der Crowd-Bewegung nicht mithalten kann. Für viele dieser Unterkategorien gilt somit sicherlich der Status: „Steckt noch in den Kinderschuhen“.
Mangelndes Risikobewusstsein aufgrund euphorischen Verhaltens ist aber auch in vielen anderen Bereichen außerhalb des Finanzsektors zu beobachten und hat nicht zwingend etwas mit neuen oder alten Finanzinstrumenten zu tun, sondern eher damit, wie wir Menschen uns in gewissen wirtschaftlichen Situationen verhalten. Im Bereich der Wirtschaftswissenschaften wird dieser Teilaspekt unter dem Begriff der Verhaltensökonomik diskutiert.

Klaus-Martin Meyer: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten To Dos für die Aufsichtsbehörden, die Plattformbetreiber und die Crowd-Investoren selber, um zu einem realistischen Risikobewusstsein zu gelangen, damit aus einer Crowdfunding-Bewegung eine relevante Branche werden kann?

TFD & CL: Die Crowdfunding-Bewegung bedient unterschiedliche Nutzergruppen und bietet eine alternative und durchaus attraktive Finanzierungsnische insbesondere für die Frühfinanzierungsphasen von Unternehmen. Somit wird sich diese Finanzierungsquelle, trotz aktuell eher geringer Volumina, als fester Bestandteil des Finanzsektors etablieren.

Im Bereich des Crowdinvesting bleibt die Frage, ob die Investoren bei gängiger Praxis ein angemessenes Bewusstsein für die bestehenden Risiken einer Beteiligung entwickeln können. Für eine ausgewogene Antwort auf diese Frage fehlen die notwendigen (erfolgreichen) Praxisfälle. Echte Erfolgsgeschichten auf Seiten der Investoren sind in Deutschland bisher noch nicht zu verzeichnen. Die bisherige Diskussion und Beobachtung beschränkt sich vielmehr auf das erfolgreiche Einsammeln von Liquidität für die Unternehmen.

Problematisch für die Konzipierung von optimalen Spielregeln ist der Mangel an Erfahrungen in diesem Bereich. Viele Aspekte hinsichtlich Funktionsweisen, Chancen, Risiken, aber auch Kontrolle oder Regulierung sind aufgrund dieses Erfahrungsmangels, fehlender Statistiken und Analysen (noch) unzureichend erforscht.

In der von der Europäischen Kommission jüngst veröffentlichten Mitteilung zur „Freisetzung des Potenzials von Crowdfunding in der Europäischen Union“ wird klar formuliert, dass der Regulator zusammen mit den beteiligten Interessenvertretern die Bewegung beobachtet und eine ausführliche Analyse durchführen möchte. Diese Art der Zurückhaltung basiert vor allem auf dem Wunsch, die experimentierfreudige Entfaltung der Crowdfunding-Bewegung samt seiner Unterkategorien nicht im Keime zu ersticken. Die EU möchte in diesem frühen Stadium auf die selbstregulierenden Marktkräfte setzen. Diesen Schritt halten wir aus volkswirtschaftlicher Sicht tendenziell für vernünftig. Aber es gilt natürlich zu prüfen, ob internationale Standards, steuerliche Anreize, Anlegerschutzaspekte oder auch Anstrengungen in Hinblick auf mehr Transparenz die Bewegung allgemein stimulieren können. Letzteres würde z.B. dafür sorgen, dass eine adäquate Kommunikation von Unternehmensbewertungen zu sinkenden Informationsasymmetrien zwischen den Akteuren führt. Für die Plattformen begrüßen wir zudem den vertrauensschaffenden Vorschlag der Europäischen Kommission eines international geltenden Gütesiegels. Dadurch ließen sich die Qualität und der Service unterschiedlicher Plattformen bewerten, um beispielsweise Betrugsrisiken zu reduzieren. Ein wertvolles Signal für die Crowd.

Einige Länder wie die USA und UK sind regulatorisch schon aktiv geworden. Es bleibt aber zu hoffen, dass es nicht nur nationale Insellösungen geben wird, sondern Regulierungen und Standards verabschiedet werden, die auf europäischer Ebene, besser aber über Europa hinausgehend, gelten werden.

Klaus-Martin Meyer: Wie beurteilen Sie es aus der Sicht einer Bank, wenn es einer in München beheimateten Firma via Kickstarter gelingt, über drei Millionen Euro zur Vorfinanzierung eines Headphones einzusammeln. Welche Konkurrenz stellen diese reward based Plattformen für den klassischen Bankensektor dar?

TFD & CL: Zunächst sind die Initiatoren des Projektes zu beglückwünschen, da sie durch das Funding nicht nur Finanzmittel für den Start der Serienproduktion und weitere Entwicklungen erhalten haben, sondern auch ein erstes Feedback von (potenziellen) Endnutzern. Das hat schon beinahe Open Innovation-Charakter, wenn das Feedback auch dafür genutzt wird, Optimierungen an Produkten und Diensten durchzuführen. Es ist natürlich als positives Feedback zu werten, dass sich knapp 16.000 Geldgeber gefunden haben, die ihr Interesse am Endprodukt signalisieren. Es gibt daher sehr wahrscheinlich einen Markt und somit eine Nachfrage für das angebotene Produkt. Eine durchaus wertvolle Information in frühen Gründerphasen.

Es gibt aber auch andere Signale von der Crowd: Bei der Finanzierung und dem späteren Verkauf von Oculus Rift zeigten sich die Geldgeber nach der Bekanntgabe des Exits mehr als unzufrieden. Trotz des rechtlich korrekten Verhaltens (alle Investoren haben den versprochenen Gegenleistungen in Form von T-Shirts, Poster oder eben die 3D-Brille erhalten), sehen sich die Geldgeber ungerecht behandelt, wenn sie nicht am Übernahmepreis von mehr als USD 2,0 Mrd. partizipieren können. Schließlich trugen sie das finanzielle Risiko des ursprünglichen Geschäftsvorhabens. Das dient sicherlich nicht der Bereitschaft, sich künftig an ähnlichen Vorhaben zu beteiligen. Den Kommentaren von Geldgebern aus der Crowd zufolge, waren diese jedenfalls nicht besonders erfreut darüber.

Bei dem Beteiligungskonstrukt ihres Beispiels ist eine Beteiligung am Unternehmensverkauf allerdings nicht vorgesehen. Ein Bereitstellen von finanziellen Mitteln ist, insbesondere aufgrund des Risk-Reward-Profils der Investition, eher durch die Euphorie für das bzw. durch die Identifikation mit dem Produkt zu erklären.

Für den klassischen Bankensektor, der renditeorientiert agiert, stellt die reward based-Finanzierung unseres Erachtens nach keine direkte Konkurrenz dar. Das klassische Kreditgeschäft einer Bank ist zudem komplett anders strukturiert als die Vorfinanzierung eines Produktes durch die Crowd. Eher wird das Geschäftsmodell von Venture Capital-Fonds oder Inkubatoren angegriffen. Diese sind traditionell stärker in der Frühphasenfinanzierung von Start-Ups engagiert und könnten durch das Crowdfunding Marktanteile bei solchen Finanzierungen verlieren. Ob sich die Bankenbranche künftig auch mehr auf die Frühfinanzierungsphasen von Gründern konzentrieren, hängt sicherlich von mehreren geschäftsstrategischen Aspekten, u.a. dem Risikoappetit ab.

Gründer könnten zunehmend abwägen, ob eine Investition von VC-Fonds noch attraktiv ist, da diese Mitspracherechte bei Unternehmensentscheidungen und Unternehmensanteile erhalten. Allerdings sind auch Stimmen zu vernehmen, die Crowdfunding als komplementäre Finanzierungsform zum Venture Capital sehen, die mit einem Test der Vermarktungsfähigkeit eines Produktes bzw. einer Dienstleistung einhergeht.

Klaus-Martin Meyer: Im UK wurde ein erster Crowdfunding-Fond initiiert, der in Startups auf der (equity based) Crowdfunding-Plattform Crowdcube investiert. Sind solche Fonds auch ein Ansatz, um dem Risikobewusstsein Rechnung zu tragen?

TFD & CL: Ein Crowdfunding-Fond sollte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden: Hinsichtlich der Grundidee des Crowdfunding, dass viele kleine Investoren einzelne Investitionen vornehmen, zeigt sich ein Widerspruch. Fonds investieren Kapital gebündelt, und unter Umständen stellen sie einen Großteil des gesamten Investitionsbetrages für ein Start-Up. Dabei treten sie als Einzelinvestor auf, und nicht jeder Geldgeber des Fonds wird direkter Investor eines Start-Ups.

Aus Sicht der Investoren ist ein Crowdfunding-Fonds zu begrüßen. Dieser ermöglicht eine Investition in Start-Ups und zugleich eine Diversifizierung. Diese Diversifizierung wäre für einen Einzelinvestor nur mit hohem Zeitaufwand und, in Abhängigkeit vom Mindestinvestitionsbetrag eines Projektes, mit hohen Investitionssummen erreichbar, d.h. viele Entscheidungen, die der einzelne Investor treffen müsste, werden ihm abgenommen. Die Anlageentscheidungen werden durch professionelle Fondsmanager getroffen, die aufgrund ihrer Erfahrungen Risiken besser abschätzen und steuern können.
Ob eine Fonds-Konstruktion allerdings das Bewusstsein für die Risiken verbessert, ist fraglich. Es wird im Informationsmaterial des Fonds zwar deutlich auf Risiken hingewiesen, dass Problem des Risikoverständnisses beim einzelnen Investor wird dadurch aber nicht behoben. Weiterhin werden natürlich Management-Fees vom Fonds erhoben. Diese reduzieren die Rendite der Investoren, und es stellt sich dadurch die Frage, ob die Risiken einer Beteiligung angemessen entlohnt werden. Eine deutliche Verbesserung des Risikobewusstseins einzelner Investoren sollte aus dem Fonds-Ansatz also nicht resultieren. Insbesondere, da die Investoren sich noch weniger mit einzelnen Unternehmensrisiken befassen. Eine Auseinandersetzung mit Risiken ist bei einer Fonds-Investition vielleicht vielmehr auf Basis von Risikokategorien von Bedeutung. Es wird aber eine Möglichkeit geschaffen, mit reduziertem Risiko für den einzelnen Investor über das Vehikel Crowdinvesting in Start-Ups zu investieren.

Kontaktdaten:
thomas-frank.dapp@db.com (+49 69 910 31752)
christoph.laskawi@db.com (+49 69 910 31924)

Link zur Studie:
http://www.dbresearch.de/PROD/DBR_INTERNET_DE-PROD/PROD0000000000333161.pdf

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