Interview mit Julian Buehler und Stephan von Rohden über gigflip

gigflipKlaus-Martin Meyer: Julian und Stephan, Ihr seid Geschäftsführer bei gigflip. Könnt Ihr Euch und gigflip bitte kurz vorstellen?

Julian Buehler: gigflip ist die erste wirkliche Crowdfunding-Plattform für Konzerte in Deutschland.​ ​Künstler oder Veranstalter geben​ ​Rahmendaten​ ​wie​ ​Stadt, Datum, Ticketpreis und die zu erreichende Kritische Masse an Fans/Ticketkäufern an.​ ​Ab dann liegt es in der Hand der Fans: In einem vorhe​r festgelegten​ Votingzeitraum​ können sie auf www.gigflip.com für​ ​ihre Lieblingsband​ ​abstimmen und den Gig​ in ihre Stadt holen.​ Das Beste daran ist, dass das Konto der Ticketkäufer erst belastet wird, wenn das Voting erfolgreich ist.​ ​Damit schaffen wir Sicherheit für alle Seiten. Die Fans müssen nicht in Vorkasse gehen und auch für die Initiatoren wird es erst verbindlich, wenn ausreichend Fan-Support vorhanden ist. Mit gigflip geben wir​ Fans eine Stimme. Sie können mitbestimmen, wo ihre Bands auftreten und sich unnötige Reisen​ zu Konzerten sparen, bei denen​ ​sie mehr Geld für das Benzin, als für das​ ​Ticket​ ​ausgeben müssen.

Für die Gründung von gigflip war es sehr hilfreich, dass ich bereits Startup-Erfahrung mitbringen konnte. Für ein Münchener Startup habe ich vorher​ ​die Vertriebsstrategie und -prozesse entwickelt und die erste Kundenbasis gewonnen. Stephans Know-how i​m Bereich des Lead-Managements bei Großevents​ war bei der​ ​Produktentwicklung​ ​eine wertvolle Basis.

Stephan von Rohden:​ ​Nachdem sich das technische Setup unserer Plattform erfolgreich bewährt hat, launchen wir als nächstes den Wunschzettel. Künstler können damit schon vor und während der Tourplanung ihre Fans in die Entstehung der Gigs einbeziehen. Fans geben einfach an, in welcher Stadt sie ihren​ ​Lieblingskünstler sehen möchten und​ ​können angeben,​ ​was sie bereit wären,​​ dafür auszugeben.​ ​Damit wird​ ​die​ ​Organisation von Konzerten​ ​noch effizienter​ ​und​ ​die größten und aktivsten Fanbases​ ​erhalten mit einem Gig ihrer Lieblingsband die ultimative Belohnung.

Klaus-Martin Meyer: Auf gigflip wurden bereits eine ganze Reihe erfolgreicher Pitches abgewickelt. Wie gelang es initial Angebot und Nachfrage auf​ ​die Plattform zu ziehen?

Stephan:​ ​Julian und ich sind beide damals neu in die Musikindustrie gestartet – Schnittmengen gab es​ ​nur durch unsere Freundeskreise. Als unseren ersten festen Mitarbeiten haben wir daher​ ​Lukas Vincenz​ ​an Bord geholt, der in der Musikbranche bereits alle Seiten kennengelernt hatte und bestens vernetzt ist.​ ​Den Ansatz,​ ​Fanengagement zu stärken​ ​und das gewinnbringende Livekonzert-Geschäft zu fördern, wurde von der Branche dankend angenommen.

Klaus-Martin Meyer: Kann man etwas zum Feedback der Künstler sagen. Ist es – rein durch die theoretische ökonomische Brille betrachtet – effizienter die Fans mit dem Portemonnaie abstimmen zu lassen anstatt die Marktforschungsabteilung die Termine und Orte festlegen zu lassen?

Julian: Bei den meisten Acts sind die Datenquellen für die Tourplanung die Abverkaufszahlen der letzten Tour/Konzerte und Facebook-Statistiken. Diese garantieren aber leider keine Wiederholungserfolge. Der Veranstalter BSE aus München hatte sich mit Konzerten von Britney Spears und Sean Paul verspekuliert und ist Konkurs gegangen nachdem er sich auf die Erfolge der letztjährigen Gigs verlassen hatte. Die Facebook-Statistiken geben auch nur eine grobe Orientierung. 100.000 Likes bedeuten bei weitem nicht, dass 100.000 Menschen auch Geld für ein Ticket ausgeben würden.

Stephan: Marktforschung wie sie z. B. die GfK betreibt ist sehr aufwändig und teuer. Gibt es denn eine schönere Möglichkeit als die eigenen Fans direkt selbst zu fragen und in den bestehenden Kommunikationskanälen die Nachfrage durch den Wunschzettel zu bündeln?

Klaus-Martin Meyer: Welches Feedback kommt von der anderen Seite von den Fans?

Julian: Jeder Musiker und jede Band kennen das: Kaum ist eine neue Tour oder einen Gig auf Facebook angekündigt, schon gibt es Kommentar-Flut. Die einen freuen sich, dass ihre Lieblingskünstler wieder bei ihnen vorbei schauen. Die anderen fragen ganz öffentlich, warum ihre Stadt wieder nicht dabei ist. Dafür gibt es künftig eine Antwort: Füll den Wunschzettel aus und aktiviere Deine Freunde, Du hast jetzt eine Stimme.

Als wir im Januar mit den Killerpilzen gestartet sind, haben ein paar Superfans in Aschaffenburg sogar Flyer gebastelt, über Facebook geteilt, ausgedruckt und in der Stadt verteilt. Diese beiden Beispiele sprechen für sich.

Klaus-Martin Meyer: In der Musikindustrie werden die Zahlungsströme aus Konzerten relativ betrachtet immer wichtiger. Welche Rolle können Crowdfunding-Ansätze global in diesem Zusammenhang spielen?

Stephan: Genau, über 2/3 der Umsätze generiert die Musikindustrie heute aus dem Live-Segment. Klaus Meine, Sänger der Scorpions, hat das mal schön auf den Punkt gebracht: „Früher haben wir gespielt, um unsere CDs zu promoten, heute produzieren wird CDs, um die Live-Auftritte zu promoten.“

Auf der anderen Seite sind alle Spielstätten in Deutschland während eines Konzerts im Schnitt aber nur zu 55% ausgelastet. Das heißt, dass die mit Abstand wichtigste Erlösquelle der Musikbranche sehr ineffizient organisiert ist, Angebot und Nachfrage überschneiden sich nur ungenügend.

Das bedeutet ökonomische betrachtet auf der einen Seite Ausgaben für Konzerte in Städten mit zu geringer Nachfrage, auf der anderen Seite ungenutztes Umsatzpotenzial in Städten, die man vielleicht gar nicht auf dem Schirm hat.

Mindestens genauso schlimm ist aber auch die Frustration auf Seiten der Fans, wenn sie sich nicht abgeholt oder angesprochen fühlen. Der Wunschzettel, die Gewinnung und Auswertung der Daten über den Markt und die Bedürfnisse der Fans und das risikofreie Angebot für Konzerte, die nur gespielt werden, wenn genügend Fans sich verbindlich committen, das ist der goldene Weg für eine Branche im Umbruch in eine blühende Zukunft.

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