Crowdstreet-Interview mit Dorothea Mohn (Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.)

Verbraucherzentrale Bundesverband Klaus-Martin Meyer: Frau Mohn, Sie kümmern sich bei beim Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. um das Thema Finanzen. Aktuell fordert Ihr Verband „Klare Regeln für Crowdinvesting“. Liest man dem gegenüber die Diskussionen von Crowdinvestoren in diversen Foren, dann entsteht der Eindruck, dass die Investoren sich bevormundet fühlen und gar keinen zusätzlichen Verbraucherschutz einfordern. Warum werden Sie als Verband überhaupt aktiv?

Dorothea Mohn: Wenn manche Anleger sich bevormundet fühlen, ist das absurd. Warum sollten diese sich durch einen Prospekt bevormundet fühlen, der ihnen haftungssichere Informationen gibt und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Projekte wirtschaftlich laufen? Vielmehr sehen wir auf den Crowd-Plattformen Verbraucher, die sich über die schlechte Informationspolitik beschweren.

Klaus-Martin Meyer: In Ihrer Pressemitteilung wird gesagt, Crowdinvesting sei hochspekulativ. Mir scheint, dass Sie hier die Startup-Finanzierung über die Crowd mit Crowdinvesting in allen seinen Ausprägungen gleichsetzen. Kann ein Finanzinstrument per se hochspekulativ sein?

Dorothea Mohn: Crowdinvesting findet überwiegend über Nachrangdarlehn statt. Das bedeutet nicht nur, dass die Anleger im Falle einer Insolvenz, die bei Start-ups nicht selten vorkommt, nachrangig bedient werden. Es bedeutet auch, dass die Ausschüttung von Zinsen, ausfallen kann, bis das Unternehmen in eine sichere Gewinnzone kommt. Deshalb hat diese Form von Vermögensanlage für mich auf jeden Fall etwas mit Spekulation zu tun.

Klaus-Martin Meyer: Als Bürger dieses Landes darf ich in jedes Autohaus gehen, mir jedes Auto kaufen, sofern ich es bezahle. Wenn ich mit diesem Auto vom Hof fahre, habe ich je nach Modell bereits einen Wertverlust von mehreren Tausend Euro zu verbuchen. Ist demgegenüber eine Begrenzung der Anlagesumme bei Crowdfundings auf 1000 Euro pro Anleger zeitgemäß?

Dorothea Mohn: Die Begrenzung von 1.000 Euro fordern wir nicht per se, sondern als Abgrenzungskriterien für die von der Branche geforderte Prospektbefreiung. Wer mehr Geld je Anleger einsammeln will, soll das tun, aber eben nicht ohne Prospekt. Dass die Branche den Weltuntergang zeichnet, für den Fall, dass sie einen Prospekt bereitstellen muss, ist für mich nicht nachvollziehbar und wirft einige Fragen auf.

Klaus-Martin Meyer: Es wird diskutiert, dass Anleger, die mehr als 1000 Euro investieren wollen, ihre Vermögens- bzw. Einkommenslage gegenüber der Plattform offenlegen müssen. Wie würden Sie das Spannungsfeld von Verbraucherschutz und Datenschutz in diesem Zusammenhang einschätzen?
Sehen Sie hier auch das Risiko, dass diese Anleger zukünftig vor allem in Großbritannien die gewünschten Summen anlegen?

Dorothea Mohn: Im Gesetzentwurf steht unmissverständlich, dass es sich nur um eine Selbstauskunft handelt, keinesfalls um eine Offenlegung. Aber wir lehnen die 10.000 Euro-Grenze ohnehin ab. Werden die Crowdinvesting-Projekte faktisch von der Prospektpflicht befreit, riskiert man, dass in ein paar Jahren Anlageskandale genau im Crowd-Sektor auftreten werden. Davon werden auch die Plattformen, die momentan um den Freifahrtschein kämpfen, am Ende Schaden nehmen.

Klaus-Martin Meyer: Ferner ist es Gegenstand der aktuellen Diskussion, dass die Werbung für Crowdinvestings in sozialen Medien eingeschränkt oder verboten wird. Sehen Sie bei dieser Form der Werbung eine größere Gefahr für den Verbraucher, als zum Beispiel in den Hochglanzbroschüren, mit denen die Bankenwelt z.B. ihre Fondprodukte bewirbt?

Dorothea Mohn: Diversifizierte und regulierte Aktienfonds sind eine völlig andere Anlagekategorie als das Crowdinvesting. Das Werbeverbot in sozialen Medien, insbesondere von Bannerwerbung, ist essentiell, um dafür zu sorgen, dass Nachrangdarlehen und andere Vermögensanlagen nicht gegenüber Menschen beworben werden, für die sie schlicht nicht geeignet sind.

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